BestenListen 2003

PRO-REGIO-ONLINE BESTENLISTE

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BESTENLISTE

- Die wichtigsten Bücher
zum Thema Ländlicher Raum -

 

Unsere BESTENLISTEN 2003

 

Die BESTENLISTE - Nr. I/2003

(Frühjahr 2003)

 

Platz 1

Institut für Lippische Landeskunde (Hrsg.): Landleben in Lippe 1850 - 1950. 3 Bände: Band 1 (Umwelt, Land- und Forstwirtschaft, Haus- und Gartenarbeit). Band 2 (Handel und Handwerk). Band 3 (Soziales und kulturelles Leben im Dorf). Verlag: Institut für Lippische Landeskunde, Lippische Studien Band 11/1-3, Lemgo 1998 (ISBN 3-9802501-1-3 Gesamtausgabe)

Dieser Dreifach-Band über die Region Lippe stellt ein materialreiches, gut bebildertes und sehr anschauliches Dokument des historischen Landlebens bis in die 1950er Jahre dar. In einer an Stofffülle und Fotomaterial reichen und gelungenen Monographie, wird die ganze Themenbreite der ländlich-landwirtschaftlichen Gesellschaft dieser Untersuchungsregion nachgezeichnet. Der inhaltliche und gestalterische Gesamtaufbau dieser drei Bände macht sie nicht nur für die Region zu einem in dieser Form wohl einmaligen Gesamt(kunst)werk, sondern dürfte durchaus auch für andere solche Forschungsvorhaben Vorbildcharakter besitzen.

Platz 2

Gerhard Henkel: Der Ländliche Raum. Gegenwart und Wandlungsprozesse seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland. Teubner Studienbücher Geographie. Teubner Verlag, Stuttgart/Leipzig 1999. Das Buch ist inzwischen in der 4. ergänzten und neu bearbeiteten Auflage im Verlag Gebrüder Borntraeger, Berlin/Stuttgart 2004 (ISBN 3-443-07109-0) erschienen.

Nicht nur der definitive Titel "Der Ländliche Raum" erhebt geradezu den Anspruch, "das" Buch zum Ländlichen Raum zu sein, sondern das Buch ist tatsächlich das aktuell wohl umfassendste, materialreichste und den neuesten Diskussionstand am besten wiedergebende Buch zur Thematik "Ländlicher Raum". Eine Basisanschaffung, denn dieses Buch sollte als das zur Zeit wichtiges Nachschlagewerk in keiner Hausbibliothek fehlen.

Platz 3

DU - Zeitschrift der Kultur. Doppelheft Nr. 728, Juli/August 2002: Europas Bauern. Unser täglich Brot. Tamedia AG, Schöntalstrasse 27, CH-8021 Zürich (ISBN 3-908515-64-5)

Wenn sich eine so renomierte Kulturzeitschrift, wie die schweizerische DU, der Landwirtschaft und der Zukunft der Bauern widmet, ist dies ein großer Gewinn für die Landwirtschaft, denn zum einen werden deren aktuelle Problemlagen einmal gründlich von guten Fachjournalisten aufgearbeitet und dadurch in gut nachvollziehbaren Reportagen in die agrarwelt-entfremdete Gesellschaft zurückvermittelt, zum anderen schaffen diese fundierten Berichte es, wieder ein Stück Vertrauen in die - in die Negativschlagzeilen abgerutschte - Agrarwelt zurückzugewinnen. Ein lesenswertes Doppelheft über die wirklichen Alltagskämpfe, Überlebensprobleme, aber auch Schönheiten der bäuerlichen Lebenswelt.

Platz 4

Alain Thierstein / Manfred Walser: Die nachhaltige Region. Ein Handlungsmodell. Paul Haupt-Verlag, Bern 2000 (ISBN 3-258-06146-7)

Mit schweizerischer Gründlichkeit und kompetenter Sachlichkeit wird hier sehr praxisnah untersucht, unter welchen Bedingungen eine Region nachhaltig entwickelt werden kann. Das Ganze geschieht in einer wohltuend entspannten Atmosphäre mit vielen Schaubildern, Checklisten und in einer gut nachvollziehbaren Gliederung, die diesem Buch geradezu "Lehrbuchcharakter" bescheinigt. Für alle, die ein Buch zum Selber-Weiter-Denken in ihrem Agenda-Prozeß brauchen, ist dies das richtige: Es setzt eigene Denkpfade frei und beflügelt eigene Wege zu gehen, indem es auf den - inzwischen üblichen, aber letztlich nur zukleisternden - Fachjargon wohltuend verzichtet.

Platz 5

Barbara Schier: Alltagsleben im "Sozialistischen Dorf". Merxleben und seine LPG im Spannungsfeld der SED-Agrarpolitik 1945-1990. Waxmann-Verlag, München 2001 (ISBN 3-8309-1099-1)

Das Buch ist eine volkskundliche Fleißarbeit, die nicht nur einen Ort über breites Quellenstudium, intensive Feldforschung und umfangreiche Interviews für dieses Projekt erschließt, sondern ihn durch fundiertes Wissen der Gesamtentwicklung des ländlichen Raumes in der DDR zu einer Art "Brennspiegel" und exemplarischen Nachvollzugsort der SED-Agrarpolitik macht. Ein gut geschriebenes, materialreiches und mit einer fundierten Literaturrecherche untermauertes Buch.

Platz 6

Klaus Zeitler: Raumbezogene Identität - ein Entwicklungsfaktor für den ländlichen Raum ? - Eine soziologische Analyse der Determinanten und Inhalte ländlicher Regionalentwicklung. Selbstverlag des Lehrstuhls für Sozial- und Wirtschaftsgeographie der Universität Augsburg, 2001 (ISBN 3-923273-42-6)

Diese als Buchbroschüre erschienene Dissertation hebt sich wohltuend von den auf dem Regionalentwicklungsmarkt befindlichen Massenpublikationen ab, denn es versucht die inzwischen überall angewandten Methoden der „Leitbildentwicklung“ in der Dorf- und Regionalentwicklung einmal bezüglich ihrer theoretischen Implikationen, aber auch in Bezug auf ihre tatsächliche Wirksamkeit zur Raumidentifikation kritisch zu hinterfragen. Die jahrelangen praktischen Erfahrungen des Autors in diesem Forschungsfeld kommen der Arbeit sprachlich, analytisch und in der qualifizierten Abschlußbewertung sehr zugute.

Platz 7

Daniela Münkel: Der lange Abschied vom Agrarland. Agrarpolitik, Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft zwischen Weimar und Bonn. Wallstein-Verlag, Göttingen 2000. (ISBN 3-89244-390-4)

Die Agrargeschichtsforscherin Daniela Münkel präsentiert in diesem exzellenten Sammelreader der führenden deutschen Agrarhistoriker einen hervorragenden Überblick über die Entwicklung und (Selbst)Sicht des ländlichen Raumes (mit einem Schwerpunkt auf der Agrargeschichte) von den 1920er bis in die 1990er Jahren. Die Paralleldarstellung von dörflicher Modernisierung und Milieuveränderung auf dem Lande einerseits, und den Schüben der Entagrarisierung der Dorfgesellschaft und des Verschindens der Bauern andererseits, macht diese Buch zu einem spannenden "Lese-Buch" dieses Wandels. Einmal als ein "Herauslese-Buch" dieser Strukturbrüche und sozialen Verwerfungen, zum anderen aber auch als ein "Lesebuch", das mit dem Lesen die alten Bilder der Eigenerinnerung aktiviert und darüber die erlebten Veränderungen nochmals mental erfahrbar und begrifflich bewußt macht.

Platz 8

Landesstelle für Museumsbetreuung und Arbeitsgemeinschaft der regionalen ländlichen Freilichtmuseen in Baden-Württemberg (Hrsg.): Zöpfe ab, Hosen an ! - Die Fünfzigerjahre auf dem Land in Baden-Württemberg. Silberburg-Verlag, Stuttgart 2002 (ISBN 3-87407-505-2)

Der aus Anlaß des 50jährigen Bestehens von Baden-Württemberg (1952-2002) erschienene Bildband tritt eine Zeitreise in die 1950er Jahre an, um nochmals die eigentliche historische Bruchstelle zwischen Tradition und Moderne im Dorf, die große Veränderungsphase der 1950er Jahre, nachzuzeichnen. In den zahlreichen Fotos und nachgedruckten Werbeprospekten wird die Aufbruchstimmung dieser Zeit geradezu spürbar, als eine Epoche, die in Schulneubauten, der Kanalisation der Dörfer und der Aussiedlung der Landwirtschaft noch die neuen Horizonte der Dörfer erblickte.

Platz 9

Christa Müller: Von der lokalen Ökonomie zum globalisierten Dorf - Bäuerliche Überlebensstrategien zwischen Weltmarktintegration und Regionalisierung. Campus-Verlag, Frankfurt/Main 1998. (ISBN 3-593-36121-3)

Die große Stärke dieses Buches ist seine unheimlich anschauliche und fesselnde Sprache, mit der es den sich fast lautlos vollziehenden Wandel im Dorf der 1950er und 1960er Jahre von einer "informellen lokalen Ökonomie", hin zu einer "globalen, konsumistischen Ökonomie" nachvollzieht und damit die historische Geburtsphase der "Globalisierung auf dem Dorf" nachzeichnet.

Platz 10

Hubert Ch. Ehalt / Wolfgang Schulz (Hrsg.): Ländliche Lebenswelten im Wandel. Historisch-soziologische Studien in St. Georgen/Lavanttal. Peter Lang Verlag, Franfurt/Main 2000 (ISBN 3-631-34043-5)

Das Buch zeigt wie durch eine breitangelegte historisch-soziologische Feldforschung die Dynamik der massiven Veränderungen in den ländlichen Lebenswelten innerhalb der vielen Alltagsfacetten sichtbar gemacht und am Beispiel einer Gemeinde dezidiert nachvollzogen werden kann. Das Buch ist nicht nur wegen seiner dabei erzielten Ergebnisse, sondern auch wegen seines konzeptionellen Vorgehens und der in ihm gestellten Erkundungsfragen, die teilweise an Methoden der berühmten "Marienthal-Studie" erinnern, sehr interessant.

 

 

 

 

 

 

Die BESTENLISTE - Nr. II/2003

(Herbst 2003)

 

Platz 1

Uwe Mai: "Rasse und Raum". Agrarpolitik, Sozial- und Raumplanung im NS-Staat. Sammlung Schöningh zur Geschichte und Gegenwart. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2002 (ISBN 3-506-77514-6)

Das Buch arbeitet recht materialreich die Praxis der nationalsozialistischen Raumordnungspolitik auf, indem es die treibenden Akteure (Wissenschaftler, Forschungsinstitute und ehrgeizigen "Aufsteiger") benennt, die inner-regionalen und konzeptionellen Widersprüche in den einzelnen Umsetzungen bei der "Dorfauflockerung", der "Neubildung des Bauerntums" und der "Neugestaltung des Dorfes" deutlich macht und den "Größen- und Rassenwahn" einer geplanten "gigantischen Massenumsiedlung" in die Ostgebiete und in einen Schutzring um das "Alt-Reich" herum, herausarbeitet. Untermauert wird die Praxis der NS-Raumplanung mit einem Exkurs in die Vorgeschichte der Agrarromantik und Großstadtfeindlichkeit, die Diskussion um die "Innere Kolonisation" in der Weimarer Republik und die Verklärung des Bauerntums in der NS-Blut-und-Boden-Ideologie. Damit gibt das Buch einen guten Einblick in die bei den groß-tönenden Worten doch recht magere Landpraxis, die innerhalb des "Alt-Reiches" über einige Mustergaue, Musterdörfer und wenige Dorfneugründungen nicht hinauskam. Die verheerenden "Generalpläne Ost", die bei ihrer breiten Umsetzung für das Binnenland der Startschuß zu einer riesigen Massenumsiedlung geworden wären, wurden kriegsbedingt nicht realisiert. Sie wären nach dem Stand der internen Planung aber auch in einem organisatorischen Chaos geendet, da außer hochtrabenden Generalplänen die baulichen, technischen und materiellen Ressourcen nicht vorhanden waren, die umsiedlungswilligen Menschen nicht bereitstanden und vor Ort konkrete Umsetzungspläne fehlten. Interne Widersprüche im Apparat, unterschiedliche Vorstellungen von einer "Neubildung des Bauerntums", persönliche Profilierungs- und Karriereinteressen von wissenschaftlichen Aufsteigern etc. verhinderten ihrerseits eine effektive Arbeit und Realisierung der großen Neuordnungsziele. So wurde echte Fortschritte in der Strukturverbesserung der Landwirtschaft (Flurbereinigung und Betriebsaussiedlung), in der Infrastruktur der Dörfer (Dorfgemeinschaftshäuser und gemeinschaftlich genutzte Dorfeinrichtungen, wie Waschräume, Kühlanlagen, Backhäuser), in der sozialen Stellung der Bäuerin ("Haus der Bäuerin") und in der Verbesserung der Agrarproduktion ("Erzeugerschlacht") kaum erreicht. Erst nach 1945 wurden diese Ansätze in der Breite der Dörfer realisiert und in der Dorfpraxis unter den Schlagworten "Soziale Aufrüstung des Dorfes", "Aussiedlung landwirtschaftlicher Betriebe", und Anwendung des "Zentral-Orte-System" angegangen und das teilweise unter zentraler Mithilfe der alten Akteure aus den NS-Planungsstäben und mit Unterstützung der ehemaligen Forschungsstellen an den Hochschulen.

Das Buch gibt einen so bisher nicht möglichen Einblick in die damaligen Planvorgaben, Entscheidungsstrukturen und verstreuten Praxisansätze und hilft damit - trotz aller Abscheu vor der menschenfeindlichen Ideologie und der brutalen Praxis - dieses Epoche zumindest intellektuell nachzuvollziehen und die NS-Raumordungspolitik in ihrem Muster zu begreifen. Da die Landdiskussion und Landpraxis der NS-Epoche in ihrer vollen Breite bisher kaum Gegenstand der Forschung war, stellt dieses Buch einen Meilenstein in der längst fälligen Aufarbeitungsgeschichte dar und gehört deshalb als Grundlagenlektüre in jede gut-sortierte häusliche Landbibliothek.

 

Platz 2

Maria Bidlingmaier: Die Bäuerin in zwei Gemeinden Württembergs. Nachdruck der Ausgabe von 1918. Jürgen Schweier Verlag, Kirchheim/Teck 1993. 2. Auflage (ISBN 3-921829-30-5)

Da das Buch noch erhältlich ist, obwohl es im "Verzeichnis der lieferbaren Bücher" als "vergriffen" gilt, erfolgt hier die Verlagsadresse für eine eventuell notwendige Direktbestellung: Jürgen Schweier Verlag, Hugo-Wolf-Weg 5, 73230 Kirchheim/Teck.

Obwohl dieses Buch wohl zu den Klassikern der ländlichen Sozialforschung zählen müßte, ist es leider relativ unbekannt. Das liegt zum einen daran, daß es zur Zeit seiner Veröffentlichung nur in zwei regional-erschienenen Rezensionen gewürdigt wurde und zum anderen daran, daß die Verfasserin bereits 1917 im Alter von 35 Jahren verstarb, also die Drucklegung selbst nicht mehr erlebte. Das Buch entstand im Beobachtungszeitraum von 1914-1916 und beschreibt eine Bauernwirtschaft in den schwäbischen Dörfern Kleinaspach und Lauffen a.N. Die Informationsbasis bildeten Erhebungen, Beobachtungen und Beschreibungen von 113 Familien und landwirtschaftlichen Betrieben dieser zwei Orte. Obwohl die Bäuerin im Mittelpunkt der Untersuchung steht, ist das Buch doch viel mehr als eine Bäuerinnen-Studie. Eindringliche Beschreibungen des Dorfalltags und der Mühen der Kleinwirtschaft, der täglichen Arbeiten im Haus, Stall, Hof und Feld, protokollierte Ernährungstabellen und Schilderungen der häuslichen Einrichtungen und Wohnungsnutzungen, der Rolle der Hausbewohner in der Landwirtschaft und im Haus, des Kinderalltags und des Modernisierungsdrucks auf das Dorfleben, machen es zu einem einmaligen Zeitdokument dieser Epoche vor der großen ländlichen Zäsur des 20. Jahrhunderts, dem Ende des 1. Weltkrieges, der zum Zusammenbruch der alten ländlichen Ordnung führte.

Mit großer Sensibilität und feinabbildender Sprache schildert die junge Forscherin den dörflich-bäuerlichen Alltag, wie ihn die spätere Kulturwissenschaft erst wieder Ende der 1970er Jahre wahrnahm und niederschrieb. Das Buch ist sowohl  wissenschaftshistorisch, als auch von seinem sozialgeographischen Ansatz her ein echter Klassiker der ländlichen Sozialforschung und sollte in keiner anspruchvollen Landbibliothek fehlen.

 

Platz 3

Eugen Sauter (6 Bände):

(1) Kindheit auf dem Lande in den 50er Jahren. (Erstauflage 1995)

(ISBN 3-86134-283-9)

(2) Schwäbisches Dorfleben in den 50er Jahren. (Erstauflage 1995)

(ISBN 3-86134-277-4)

(3) Landleben in den 50er Jahren. (Erstauflage 1996) (ISBN 3-86134-316-9)

(4) Sonntags auf dem Lande - Feste, Freizeit, Feiertage. Schwäbische Fotographien aus den 50er Jahren. (Erstauflage 1997) (ISBN 3-86134-400-9)

(5) Schulzeit auf dem Lande. Fotographien aus den 50er Jahren. (Erstauflage 1998) (ISBN 3-86134-486-6)

(6) Ein schwäbisches Familienleben. Fotographien vom Leben auf dem Lande in den 50er Jahren. (Erstauflage 2002) (ISBN 3-8313-1310-5)

Wartberg-Verlag, Gudensberg-Gleichen, Erscheinungszeitraum 1995-2002

 

Bildbände über das Leben auf dem Lande boomen seit der neuen Heimatwelle der 1980er Jahre. Aber diese Edition sticht unter den vielen anderen dadurch hervor, daß seine Bilder nicht nur technisch gut (was für Farbfotos aus der 1950er Jahren nicht selbstverständlich ist), ja geradezu professionell "geschossen" wurden, sondern daß sie sich vor allem durch Nähe und Authentizität auszeichnen. Die Dorfbewohner ließen es zu, daß "ihr" Dorflehrer sie immer wieder fotografierte, zu jedem Anlaß den Fotoapparat dabei hatte und auch zückte und sie bewegten sich völlig natürlich in ihrem Alltag ohne kamerascheu oder künstlich-gestelzt zu reagieren. Dadurch wird die Lebensnähe zum Alltag in den Fotos so stark, denn die Kamera steht sozusagen "mittendrin". Selbst die wenigen "gestellten" Familienfotos oder Schnappschüsse bei "offiziellen" Anlässen wirken nicht steif, sondern wecken sofort eigene Kindheitserinnerungen aus den 1950er Jahren. Wer in vergangenen Dorf-Welten schnell wieder eintauchen will, findet in diesen als Gesamtedition zu betrachtenden Fotobänden starke Bilder, die umgehend die "inneren Bilder" aktivieren und damit lange eigene Erinnerungsketten auslösen.

 

Platz 4

Andreas Dix: "Freies Land". Siedlungsplanung im ländlichen Raum der SBZ und frühen DDR 1945 bis 1955. Böhlau-Verlag, Köln 2002 (ISBN 3-412-14001-5)

Seit den 1990er Jahren wurde das Thema "Bodenreform und Kollektivierung in der SBZ/DDR" in vielen Studien vorrangig unter sozial- und politikgeschichtlichen Aspekten bearbeitet und untersucht. Die konzeptionelle, planerische und bauliche Umsetzung der ländlichen Siedlungsentwicklung von 1945 - 1952, die Geschichte der Neubauernstellen, Kleinbauerngehöfte und neuen Dörfer, wurde dabei eher vernachlässigt. Diese Forschungslücke schließt das Buch von Andreas Dix, das beginnend mit der Darstellung der Akteure und Institutionen für das Planen und Bauen im ländlichen Raum der SBZ/DDR, über das Konzept der Bodenreform, deren Durchführungspraxis von 1945 - 1952, bis hin zur Epoche der Kollektivierung und der neuen Dorfplanung (MAS/MTS/LPG) von 1952 – 1955 in Richtung hin zum "Sozialistischen Dorf", reicht. Ein umfangreicher "Biographischer Anhang" von Personen, die mit der Siedlungsplanung der SBZ/DDR verbunden waren (darunter auch viele bekannte westdeutsche Persönlichkeiten der ländlichen Siedlungsplanung) macht das Buch über seinen reichen Sachinhalt hinaus zu einer wichtigen Lexikon dieser Epoche. Auch in den Anfängen der Siedlungsgeschichte der SBZ/DDR zeigt sich das Aufgreifen alter Ansätze der "Inneren Kolonisation" aus der Weimarer Zeit und die Reproduktion eines Problemaufrisses ländlicher Strukturdefizite (Dorfauflockerung, Aussiedlung, Musterdörfer, Zentrale-Orte-Bildung etc.), die in der NS-Zeit formuliert wurden. Die konkrete Siedlungsplanung folgt in ihren Anfängen - trotz aller ideologischer Vorgaben und Verbrämungen - diesen Mustern der "deutschen" ländlichen Siedlungsplanungen, die sich im Baustil der Häuser, in der Form der Neubauernstellen und in den Planungsentwürfen der Musterdörfer niederschlugen. Erst im Zuge der "Kollektivierungsphase" (1952-1955) der Dörfer zu MAS/MTS-Stützpunkten und einer damit einhergehenden Zentral-Ort-Bildung wird eine Mischung zwischen "sowjetischen Vorbildern" (Offenstallanlagen, Kulturhäuser im stalinistischen Stil, Haupt-Dorf-Bildungen) und den alten Ansätzen von zentralörtlichen Musterdörfer-Modellen aus der NS-Zeit vollzogen. Die bauliche Emanzipation von den alten Vorbildern folgte allerdings erst in 1960er Jahren mit den 2 1/2 stöckigen Mietshäusern im Dorf, den großen Kulturhäusern, Landambulatorien und Einkaufzentren mit Flachdach und den überall in den Dörfern auftauchenden Bungalow-Bauten und Einfamilien-Häusern, während mit den Großanlagen der LPGen am Ortsrand der industriemäßige Anlagenbau begonnen hatte.

Für alle, die sich mit der historischen Dorfentwicklung in der SBZ/DDR (1945-1955) und auch mit einer Dorfarchologie im Rahmen der aktuellen Dorfentwicklung in den Neuen Bundesländern befassen, ist dieses Buch ein wichtiges Zeitdokument, um die Anfänge der SBZ/DDR-Dorfentwicklung zu verstehen.

 

Platz 5

Institut für Länderkunde, Leipzig (Hrsg.): Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland. Dörfer und Städte. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg/Berlin 2002 (ISBN 3-8274-0950-0)

Die Siedlungsstruktur der neuen, erweiterten Bundesrepublik hat sich im letzten Jahrzehnt gewaltig verändert und das nicht nur auf dem Gebiet der Neuen Bundesländer, sondern auch im Umfeld der Ballungsräume, in den Innenstädten und innerhalb der Ländlichen Räume. Diese Prozesse kartographisch zu visualisieren, in farblichen Schaubildern und Strukturkarten quasi "auf einen Blick" bildhaft zu machen und viele Schlagworte der Raumplanung durch passende Fotos, spezielle Abbildungen und mehrfarbige Karten anschaulich zu machen, ist der große Verdienst dieses Nationalatlanten, der seinen Namen "Atlas" wohl verdient. Keine andere Publikation der letzten Jahre gibt einen solchen materialreichen Überblick über die aktuellen Entwicklungstendenzen innerhalb der Räume, auch wenn dieser manchmal sogar etwas skurril wird, wenn z.B. die historischen Bauernhaustypen, die Bischofs- und Wallfahrtsstädte und die Teilnehmer des Bundeswettbewerbes "Unser Dorf soll schöner werden" der letzten Jahre in eigenen Bildtafeln vertreten sind. Das ganze Kartenmaterial wird in jedem Abschnitt mit einem Fachbeitrag zum jeweiligen Kapitel eingeleitet, der einen fundierten Überblick gibt und die zeitlichen Abläufe der abgebildeten Entwicklungsprozesse kurz nachzeichnet. Der Ländliche Raum ist mit einem eigenen 32-seitigen Themenblock zu den "Siedlungen im ländlichen Raum" vertreten, läuft aber darüber hinaus auch in den anderen Textausführungen (z.B.: Gemeinde- und Kreisreform; Zentrale Orte und Entwicklungsachsen; vom Stadt-Land-Gegensatz zum Stadt-Land-Kontinuum etc.) als ständiger Diskussionsstrang mit. Wer ein Buch sucht, das die aktuellen Entwicklungen der ländlichen Räume in den Kontext der gesamtgesellschaftlichen Hauptentwicklungen schnell einbindet und wichtige Ansatzpunkte zur eigenen Weiterrecherche bietet, sollte sich dieses Nachschlagwerk unbedingt besorgen.

 

Platz 6

Karl Ditt/Rita Gudermann/Norwich Rüße (Hrsg.): Agrarmodernisierung und ökologische Folgen. Westfalen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Ferdinand Schöningh-Verlag, Paderborn 2001 (ISBN 3-506-79613-5)

Mit der breiten gesellschaftlichen Debatte um die "Agrarwende" wurde der Focus der vorrangigen Belastungen der Natur durch die Industrie wieder ein Stück auf das alte Problemverhältnis "Landwirtschaft und Umwelt" zurückverlagert. Diese Blickwinkelverschiebung war im Jahr 2000 der Anlaß zu einer Tagung von Experten aus den Natur- und Sozialwissenschaften sich, am Beispiel Westfalens, mit dem Einfluß des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts auf die Umwelt und Landschaftsästhetik vom 18. bis zum 20. Jahrhundert zu befassen. Herausgekommen ist ein in dieser Form wohl einmaliger Tagungsreader von 31 AutorInnen, der versucht in drei großen Abschnitten (Die Anforderungen an die Landwirtschaft und Umwelt durch Bevölkerungswachstum, Marktintegration und den Wandel der Nahrungsmittelnachfrage; die Auswirkungen des Wandels der Landwirtschaft für die Umwelt; die gesellschaftliche Wahrnehmung und Diskussion dieser Veränderungen von Landwirtschaft und Umwelt) sich dem Thema der "Agrarmodernisierung" interdisziplinär und viele Gesichtspunkte ausleuchtenden Sichtwinkeln zu nähern. Für alle Leser, die sich nicht nur für Umweltgeschichte, sondern für die gesamten ökonomischen, technischen und sozio-kulturellen Wandel auf dem Lande interessieren, bietet dieser Sammelband einen breiten Fundus an Materialien und Aspekten, der in seiner Form bisher beispiellos ist. Die geschlossene Aufsatzform der Beiträge, die in sich sehr komprimiert sind, macht das Buch zu einem wichtigen Nachschlagewerk ländlicher Sozial(raum)geschichte.

 

Platz 7

Christian Diller: Zwischen Netzwerk und Institution. Eine Bilanz regionaler Kooperationen in Deutschland. Leske + Budrich - Verlag, Opladen 2002 (ISBN 3-8100-3233-6)

Bedingt durch den Globalisierungsdruck von oben und zur Sicherung lokaler Infrastruktur unten hat die Region als Steuerungsinstrument räumlicher Entwicklung in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Netzwerkverbindungen, kooperatives Handeln und Aktivregionen sollen die alten hierarchischen Modelle zentral-staatlicher Lenkung, aber auch kommunaler Engstirnigkeit ersetzen. Das Verdienst der Dissertation von Christian Diller, die nun als Buch vorliegt, ist die Praxis der regionalen Kooperationen einmal genauer untersucht zu haben. Sei Fazit: Die Initiierung regionaler Kooperationen in den vielen in den letzten Jahren stattgefundenen Wettbewerben ist unübersehbar; die Formenvielfalt regionaler Kooperationen ist lernbedingt: Sie verhindert aber eine Verstetigung in den landespolitischen Planungsressorts; regionale Kooperation braucht zur Selbstlegitimation selbstverantwortliche regionale Handlungsspielräume und flexibler einsetzbare Finanzmittel; große Defizite bei der Umsetzung von Regionalkonzepten liegen zum einen in den dafür nicht ausgelegten Landesprogrammen, die immer noch alte staatliche Förderpolitik betreiben, anstelle regionale Eigenverantwortung zu stärken, und zum anderen in den großen Ausbildungsdefiziten der Planer im Rahmen des Studiums (Moderation, Kommunikationstechniken, Prozesssteuerung, Mediation, Regionalmanagement). Das Buch ist eine wirklich fundierte und sachkompetente Zwischenbilanz, die als wichtige Basisstation für weitere Regionalisierungsstrategien genutzt werden könnte, sondern seine Anregungen Eingang in die aktuelle Politik- und Planungspraxis finden.

 

Platz 8

Gudrun Mangold: Hunger ist der beste Koch. Karge Zeiten auf der rauhen Alb - Rezepte und Geschichten. Silberburg Verlag, Tübingen 2002 (ISBN 3-87407-525-7)

Während landauf landab die Gourmet-Kochbücher der Regionen boomen, zeigt dieses als "Kochbuch verkleidete Geschichtsbuch" eine andere Realität auf, nämlich die der rauhen Alltagskost auf der rauhen Alb. Regionalgeschichte wird hier mit Kochrezepten gesalzen, die im blumigen Dialekt mit wohlklingenden Namen versehen wurden, um die Kargheit des Alltagsmahls zu versüßen. Die nachkochbaren Überlebensrezepte machen somit die "alte Zeit" auf ganz konkrete Weise sinnlich erfahrbar. Der Gaumen wird zum Maßstab, wie gut die "alte Zeit" schmeckte. Ein Mehr-Sinnen-Buch, das einerseits die Sehnsucht nach alten Mahlzeiten aus Mutters Kochtöpfen und Kochkünsten zu stillen mag, aber auch gleichzeitig ein ganzheitliches Bewußtsein davon schafft, wie eine Essen an der Hungergrenze aussieht und was ein Alltag im kleinbäuerlichen Selbstversorger-Dorf auf Wochen hinaus wirklich bedeutete.

 

Platz 9

Gabriele Nette: Ausgrenzung findet im Alltag statt. Eine Analyse sozialpsychiatrischer Versorgung im Stadt-Land-Vergleich. Psychiatrie-Verlag Bonn 2002 (ISBN 3-88414-312-3)

Trotz aller Modernisierungstendenzen gilt im dörflichen Alltag immer noch das heimliche, aber dominierende Gesetz der "Inszenierung von Normalität". Diese Normierung führt dazu Abweichungen zu verheimlichen und Schwächen zu verdecken. Der Abweichende wird versteckt, in eine familiäre Versorgungspuppe eingebunden und damit immer unselbständiger. Die Familienversorgung verhindert damit häufig, daß sich eine Besserung einstellt: Der Kranke wird zunehmend alltagsentmündigt und die familiären Hilfs-Pfleger psychisch überfordert. Dieses Paradoxon führt dazu, das eine "gemeindepsychiatrische Versorgung und Lebensführung" aufgrund dörflicher Beschränktheit und familialer Überbehütung verunmöglicht wird. Nur ein Konzept "regionaler Offenheit" könnte die nötigen Freiräume zur Selbstversorgung, alltäglichen Handlungsfähigkeit und Selbsthilfe schaffen und die Isolation des Kranken trotz Dauerkontrolle durchbrechen.

Eine bemerkenswerte Arbeit, die über den Weg des Abweichenden zur Landnorm wieder ein Klischee des Landlebens sprengt, nämlich das die Nähe an sich gut tut und in sich eine Qualität darstellt. Hier wird der Beweis angetreten, daß Nähe nicht nur ersticken kann, sondern auch die vermeintlichen Helfer überfordert. Der in diesem Buch praktizierte "offene Regionalitätsansatz" könnte ein wichtige Methode darstellen, die alte Vorstellungen über den ländlichen Raum zu entrümpeln und damit die neuen Ambivalenzen zwischen Tradition und Modernität, wie sie vor allem vorrangig als psycho-soziale Verwerfungen in vielen sozialpädagogischen Praxisfeldern im ländlichen Raum sichtbar werden, souveräner und analytisch-prägnanter zu diskutieren. Daher ist das Buch als Lehrbuch für alle zukünftigen Diplomarbeit-SchreiberInnen im sozialpädagogischen Bereich sehr empfehlenswert.

 

Platz 10

Thomas Kluge/Engelbert Schramm (Hrsg.): Aktivierung durch Nähe. Regionalisierung nachhaltigen Wirtschaftens. ökom verlag, Planegg 2003 (ISBN 3-9365581-03-7)

Alle reden von der "regionalen Ebene", als sei sie bereits eine feste Größe, dabei wird sie erst in einem mühsamen "Regionalisierungsprozess" entdeckt und gestaltet. "Die Region beginnt im Kopf", wird zur Ressource sozialer Nähe, beginnt "um die Ecke", "wird das, wofür sie sich hält", bekommt ihren Zuschnitt durch soziale Netzwerke, standortnahe Branchenbeziehungen, regionale Wirtschafts- und Stoffkreisläufe, kleinräumige Wertschöpfungsketten und kulturell-identifizierbare Sozialräume. Die "regionale Idee" ermöglicht einen umweltschonenden Ressourcentausch, eine nachhaltigkeitsorientierte Modernisierung lokaler Standorte, neue Kommunikations- und Lernprozesse durch regionale Vermarktung und eröffnet bisher unentdeckte Marktnischen für regionale Lebensmittel. Die "Regionalisierung" sucht ihre eigene Stabilisierung aufgrund ansteigender Entfernungswiderstände und Transporthindernisse, kreiert neue regionale Beziehungsnetzwerke und bringt neue innovative Akteure hervor.

Nach diesem hier stichwortartig aufgezählten Querschnittsprogramm zum "regionalen Wirtschaften" wurden, gefördert durch das BMBF, seit 1999 in einer ersten Phase 15 Machbarkeitsstudien und Modellprojekte erstellt und begleitet. Die Ergebnisse liegen in einer Art Zwischenbilanz in diesem Buch vor. Es ist ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg den "Mythos Region" von seinen nicht-leistbaren Wunschvorstellungen zu entzaubern und ein Stück näher an die regionale Wirklichkeit zu bringen, also eine wichtige empirisch-untermauerte Konkretisierungsstudie, "Regionalisierung" auf einer tragbaren Ebene von Regionalprojekten konzeptionell und regional zu verorten.

 

 

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