BestenListen 2004

PRO-REGIO-ONLINE BESTENLISTE

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BESTENLISTE

- Die wichtigsten Bücher
zum Thema Ländlicher Raum -

 

Unsere BESTENLISTEN 2004

 

Die BESTENLISTE - Nr. I/2004

(Frühjahr 2004)

 

Platz 1

Kolja Mensing: Wie komme ich hier raus? Aufwachsen in der Provinz. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002 (ISBN 3-462-03165-1)

Der in der niedersächsischen Kleinstadt Westerstede aufgewachsene und durch ein hautnahes Kleinstadt(er)leben in den 1980er und durch ein gelegentliches Studenten-Einpendler-Dasein in den 1990er Jahren provinz-geprägte Autor, ist im Gegensatz zu den vielen unbekannten Provinzflüchtern, eine Person, die ihre Provinzherkunft nie richtig losgelassen hat. Was sich für den Autor eventuell als Problem darstellt, ist ein Glücksfall für alle überzeugten Kleinstadt-Provinzler: Sein Bedürfnis, sich die eigen-erlebte Provinz "von der Seele" zu schreiben, hat für sie ein wunderbares, verbal-lustvolles, sprachlich-brillantes Buch über das Innenleben in der deutschen Provinz beschert. In einer präzise beobachteten und detailgenauen Wiedergabe werden vom gelernter Journalisten und sprachgewandten Literaturkritiker Kolja Mensing die selbst-erlebten Orte der "alten Provinz" der 1980er Jahre (die Neubausiedlung, das Weltkulturerbe Eigenheim, die Bushaltestelle, die Pausenhalle, das Jugendzentrum etc.) mit den bedeutungsschwangeren Orten der "neuen Provinz" der 1990er Jahre (Weltkulturerbe Freizeitcenter, Zentralkomplex Kino, Großraum-Disco, Kampftrinker-Hütte etc.) verglichen und verschnitten. In einer Mischung von einer literarischen Zeitreise und einer genau-beobachtenden Sozial-Reportage wird das Lebensgefühl der "Generation Provinz" der 1980er und 1990er Jahre nachgezeichnet und werden die Eckpunkte einer Topologie und Soziologie der modernen Provinz entworfen. Hier weiß einer, worüber er schreibt, denn sonst könnten die Detailschilderungen nicht so treffend ausgemalt werden. Die Tugenden der Provinz, die Zähigkeit Langweile auszuhalten, das genaue Hinsehen und Beobachten, die Sehnsucht nach Sprach- und bewegten Bildern, werden hier vortrefflich eingelöst. Aber nicht immer hat der Autor mit seinen Schlußfolgerungen auch recht: Keineswegs alle Provinzkids wollen weg. Nicht alle Provinzler sehen alles. Und auch nicht alles wird überall Provinz. Bei diesen empirisch nicht begründeten Aussagen ist dem Autor offensichtlich das Wortspiel durchgegangen und die allzu freie journalistische Formulierung hat den Boden der Provinzrealität verloren. Wenn auch hin und wieder der Ausschnitt der eigenen Biographie zu der Provinzwelt an sich erweitert wird und die externe Provinzsicht sich mit alten Provinzerfahrungen zur Ubiquität einer "Überall-Provinz" vermischt, sind diese biographie-bedingten Konstruktionsfehler und Sicht-Blindheiten angesichts der sonst sehr gelungenen Darstellung von zwanzig Jahren Kleinstadtwelt, durchaus verzeihbar. Ein kleines (Taschen)Buch für die Bücherwelt, aber ein große Buch für die Provinz! Ein unbedingtes 'Muß' für alle leidenschaftlichen Provinzler und zurecht unsere Nummer 1 in der aktuellen BestenListe !

 

Platz 2

Andreas Gestrich: Traditionelle Jugendkultur und Industrialisierung. Sozialgeschichte der Jugend in einer ländlichen Arbeitergemeinde Württembergs, 1800-1920. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1986

(Bezug: Das Buch ist nicht mehr über den Buchhandel erhältlich, sondern nur noch antiquarisch über das Versandantiquariat Trüffelschwein, Bernd Keller, Domäne Hebenhausen 2, D-37249 Neu-Eichenberg)

Das Buch ist - wie das Erscheinungsdatum verrät - bereits achtzehn Jahre alt und wurde von uns erst spät "entdeckt". Der Grund dafür mag darin liegen, daß es bei seinem Erscheinen nur sehr insiderhaft rezensiert wurde und im fachöffentlichen Diskurs Ende der 1980er Jahre um die "neue Jugendarbeit auf dem Lande" als historische Untersuchung leider so gut wie keine Rolle spielte. Trotz dieser Verspätung - die bei einer sowieso historisch-angelegten Studie ja im Grunde keine Rolle spielt - halten wir dieses Buch inhaltlich und in seiner sprachlichen Ausdrucksform für so gut, daß wir es mit seiner Nominierung in unserer BestenListe nochmals einem breiteren Lesepublikum vorstellen möchten. In einer geradezu teilnehmend-beobachtenden Sprache, mit großer Sachkenntnis und mit innerem Einfühlungsvermögen, wird das Jugendleben in einem pietistischen Dorf auf der Schwäbischen Alb nachgezeichnet. Der darstellte Zeitraum umfaßt die Jahre von 1800 - 1920 und schildert detailgetreu den ärmlichen Alltag im Dorf, die Prägungen des Jugendlebens, die verzweifelten Versuche der Jungen, dem Dorfleben etwas mehr an Leben abzuringen, aber auch die Hoffnungen, die die Industrialisierung für den Dorfalltag brachte und wie diese neue Zeit in die alte Dorf-Zeit einsozialisiert wurde. Das Buch endet mit dem großen Bruch in der Dorfjugend-Zeit, der tiefgreifenden Veränderungen auf Grund der Erfahrungen und Erlebnisse im 1. Weltkrieg und dem damit einhergehenden Ende der traditionellen Jugendbrauchtumskultur im Dorf. Für alle, die sich mit der "Jugendarbeit auf dem Lande" beschäftigen und aus diesem Blickwinkel heraus einmal geschichtlich "tiefer" schauen wollen, ist dieses Buchmonographie ein wahrer Provinzschatz.

 

Platz 3

Ruth Kilian: Die Rieser Landwirtschaft im Wandel. Mit Beiträgen von Hans Frei und Anja Lippert. Schriftenreihe der Museen des Bezirks Schwaben, Band 27. Oberschönenfeld 2002 (ISSN 0935-4433)

(Direktbezug: Schwäbisches Volkskundemuseum Oberschönenfeld, D-86459 Gessertshausen)

Über den strukturellen Wandel auf dem Lande, dem Umbau der einstigen Agrardörfern hin zu Wohn- und Pendlerdörfern, gibt es eine Vielzahl von Veröffentlichungen. Der innere Wandel im Agrarbereich, der Wandel vom Kuhgespann zum Traktor, von der Sichel zum Mähdrescher, von der "Handtuch"-Bewirtschaftung zur Großenflächen-Landwirtschaft, vom Untertan zum Unternehmer, von der Gemeinschaftsarbeit zum Einmannbetrieb, wurde dagegen von der Agrarsoziologie, der Kulturwissenschaft und der Volkskunde in den letzten Jahren zunehmend vernachlässigt. Diesem Trend entgegen tritt diese wunderbar gestaltete Monographie aus dem Nördlinger Ries, die foto-, bild- und skizzenreich am Beispiel dieser Region den inneren Strukturwandel des Agrarsektors nachzeichnet und damit diesem Teil des Dorfwandels wieder einen eigenständigen Stellenwert in der historischen Dorfentwicklung einräumt und zurückgibt. Diese Publikation könnte damit auch für alle anderen Regionen, die sich in ähnlicher Weise mit ihrer Form des Agrarstrukturwandels beschäftigen wollen, eine wichtige Vorbildfunktion bieten. Für alle agrargeschichtlich-interessierten Landbewohner ist diese methodisch sehr gelungene Regionalstudie in jedem Fall ein wunderbares, anregendes und sehr anschauliches Land-Lese-Buch.

 

Platz 4

Wolf-Rüdiger Marunde: Marunde - Landleben. Lappan-Verlag, Oldenburg 2003 (ISBN 3-8303-3075-8)

Seit Ende der 1980er Jahre begeistert Wolf-Rüdiger Marunde mit seinen Karikaturen zum Landleben. "Marunde - Landleben" ist längst zu einem festen Bindestrich-Begriff nicht nur in der Cartoon-Scene, sondern auch bei allen Freunden des Landlebens geworden. Eine Essenz aus seinen seit 1988 publizierten neun Bild-Bänden, quasi eine "Best of ..." - Form, legt er in diesem aktuellen Band vor. Ein 'Muß' für alle Landbewohner, die über das oft komisch-triste Landleben einmal wirklich ablachen wollen. Dieses Buch gehört in jede Hausapotheke als bewährtes Gegenmittel gegen alle Formen von Land-Depressionen.

 

Platz 5

David J. Smith (Text) / Shelagh Armstrong (Illustration) : Wenn die Welt ein Dorf wäre ... Ein Buch über die Völker der Erde. Verlag Jungbrunnen, Wien/München 2002 (ISBN 3-7026-5743-6)

Die zum Weltbegriff gewordene Redensart vom "Globalen Dorf" wurde in diesem Kinderbuch einmal erst genommen und die Welt auf Dorf-Größe verkleinert, um in diesem Brennspiegel deutlich zu machen, was der Begriff in der gesellschaftlichen Realität wirklich bedeuten würde. Das Welt-Dorf wird in seiner Zusammensetzung der Nationalitäten, der Sprachen, der Altersstufen, der Religionen dargestellt und nach seiner Verteilung der Ressourcen von Nahrung, Luft und Wasser, Unterricht und Bildung, Geld und Besitz, sowie Elektrizität unterteilt. Ein kurzer Ausflug in die Vergangenheit des "Globalen Dorfes" und eine Prognose für seine Zukunft schließt dieses sehr anschauliche Werk ab. Dieses Buch ist weit mehr als ein Kinderbuch, obwohl es gerade auf seine Zukunftsbewohner hin verfaßt wurde. Es könnte für alle, an der Zukunftsentwicklung interessierten Menschen ein wichtiges "Lehrbuch" sein, die globale Komplexität über die "Dorf-Form" bildlich zu begreifen und in ihrer vollen Bedeutung wirklich zu verstehen.

 

Platz 6

Bayerische Akademie Ländlicher Raum e.V.: Kritische Faktoren für die Zukunft ländlicher Gemeinden: Zuwachs - Abnahme - Überalterung. Dokumentation des Sommerkolloquiums 2002. Schriftenreihe Heft Nr. 32. München 2003 (ISBN 3-931863-34-4)

Diese Veröffentlichung der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum sticht aus der Vielzahl anderer Publikationen dadurch hervor, daß sie einmal ganz dezidiert und sehr anschaulich drei wesentliche Kernprobleme der ländlichen Zukunfts-Entwicklung anspricht: Den beschleunigten Zuwachs der Gemeinden am Rande der Wachstumszentren, die rapide Abnahme der Bevölkerung in den peripheren Landregionen und das steigende Problem der tendenziellen Überalterung der ländlichen Räume. Hier werden in einem ersten Problemaufriß punktgenau die sozialräumlichen Auswirkungen von Bevölkerungsverschiebungen und demographischer Entwicklung dargestellt, die in den nächsten Jahrzehnten auf die ländlichen Räume durchschlagen werden. Das daraus zu folgernde Fazit lautet: Die Dorfentwicklung wird sich diesen Problemen stellen müssen und in den nächsten Jahren eine andere werden müssen ! Diese Tagungsdokumentation ist als Einstiegslektüre in diese neue ländliche Realität für alle Lokal- und Regionalentwickler sehr zu empfehlen.

 

Platz 7

Clemens Zimmermann (Hrsg.): Kleinstadt in der Moderne. Thorbecke Verlag, Ostfildern 2003 (ISBN 3-7995-6431-4)

Die Kleinstädte spielen aktuell in der öffentlichen Darstellung des ländlichen Raumes eine völlig untergeordnete Rolle. Während die Dörfer und die Landwirtschaft als das Synonym für den ländlichen Raum gelten, gelten die Kleinstädte zwar gegenüber den Großstädten als Provinz, werden aber kaum als eine wichtige, eigenständige Siedlungsform im ländlichen Raum begriffen und angesehen. Dieses Defizit der vernachlässigten ländlichen Kleinstädte wird im vorliegenden Buch zwar aufgegriffen, aber leider nur am Rande thematisiert. Der Hauptteil des Buches befaßt sich nicht - wie der Titel beim ersten Lesen eventuell vermuten lassen würde - mit der "modernen Kleinstadt“, sondern mit der Kleinstadt im Übergang zur "bürgerlichen Moderne" an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert, als mit der "historischen Kleinstadtmoderne". Weitere Beiträge widmen sich der Kleinstadtentwicklung im Großraum Stuttgart, der besonderen Kleinstadtgeschichte in der DDR und in den neuen Bundesländern Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, sowie der Kulturpolitik in den Kleinstädten der BRD. Obwohl die Lage der ländlichen Kleinstädte in diesem Buch unterbelichtet bleibt und als Teilaspekt nur in drei Beiträgen zur Diskussion kommt, ist es zweifelsfrei ein Verdienst dieses Buches, überhaupt einmal wieder auf die "Vernachlässigung der Kleinstadt" öffentlich aufmerksam gemacht zu haben. Die gebotenen Beiträge haben - mit kleinen Ausnahmen - sehr hohes Niveau und vor allem die historischen Beiträge sind sehr fundiert und materialreich gestaltet. Als Erst- oder Wieder-Einstieg in eine längst überfällige "Kleinstadtdebatte" bietet diese Publikation einige Anregungen und viel Diskussionsstoff. Es bleibt zu hoffen, daß bei einer Fortsetzung des wissenschaftlichen "Kleinstadtdiskurses", die "Kleinstadt im ländlichen Raum" und die "moderne ländliche Kleinstadt der Gegenwart" als "Doppelthema" eine breitere fachliche Berücksichtigung erfährt, als in dieser - dadurch leider - etwas unvollständigen Anthologie.

 

Platz 8

Hans-Dieter Rihn - Dieter Machentanz: Blomberg zur Jahrtausendwende. Momentaufnahmen einer lippischen Kleinstadt. Druckerei Rihn, Blomberg  2000 (ISBN 3-00-007917-3)

Zur Jahrtausendwende 2000 hat sich der Rihn-Verlag aus Blomberg für seinen Ort etwas ganz besonderes einfallen lassen: In einer akribischen Kleinarbeit wurde der gesamte Jahreslauf der Kleinstadt mit seinen Ortsteilen fotographisch dokumentiert und jede Aufnahme mit dem jeweiligen Tagesdatum und den Wetterdaten (Tag- und Nachttemperatur, Bewölkung, Sonne, Dunst, Niederschlag etc.) versehen. So entstand eine Rundum-Dokumentation des Jahres 2000 im Raum Blomberg und Umgebung, die einen "zentralen Ort" aus allen Winkeln, zu allen Jahreszeiten, in allen Wetterlagen, darstellt. Die Bilder kreisen um den Ort und kreisen ihn als etwas Besonderes ein. Die fotographische Zentrierung macht in zum Mittelpunkt aller Blicke. Auch so kann man Provinz aufwerten: Durch die Vielfalt der Außenblicke erscheint das Zentrum in einem neuen Bilde. Das vermeintlich Kleine wird im kleinen Bilderformat groß. Die ständige Blickwinkelverschiebungen eröffnen neue (Ein/Um/Seiten-)Blicke auf den eigenen, ortsblind-gewordenen Wohnort. Leicht-verdauliche Begleittexte unterstreichen das Gesehene in Form wohldosierter Bilduntertitelungen. Unaufdringliche Grundlagen- und Hintergrundinformationen führen dann weiter, wenn er Betrachter mehr zu den Bildern wissen will und schlängeln sich wie Wortpfade durch die bunten Bild-Biotope. Dieses Beispiel einer gelungenen Gegenwarts-Archäologie, einer Fixierung des modernen Landlebens im Muster alter Jahreskalender, könnte ein vielversprechender neuer Weg der Heimaterkundung sein, raus aus der traditionellen Heimatgeschichtsbeschreibung trockener Ortschroniker oder industrie-designter Werbebroschüren. Dieses Buch verdient daher, von seiner neuartigen Methode her, eine breitere überregionale Beachtung und Aufmerksamkeit.

 

Platz 9

Thomas Ellwein/Ralf Zoll: Die Wertheim-Studie. Teilreprint von Band 3 (1972) und vollständiger Reprint von Band 9 (1982) der Reihe "Politisches Verhalten", hrsg. von Thomas Ellwein und Ralf Zoll. Leske + Budrich - Verlag, Opladen 2002 (ISBN 3-8100-3515-7)

Aus politologischer Sicht gehört die nordbadische große Kreisstadt Wertheim am Main wohl zu den best-untersuchtesten Gemeinden der BRD. Bekannt wurde sie durch die Wertheim-Studie(n) der 1970er und 1980er Jahre, die in drei Bänden - gestreckt über 10 Jahre - im Juventa-Verlag erschienen. Daß nun 2002 ein Original-Reprint von Teilen dieser Studie wiedererscheint, mag damit zusammenhängen, daß dieser "Klassiker" der Gemeindestudien nach wie vor als wissenschaftlicher Grundlagentext von Bedeutung ist und nachgefragt wird. Der Nachdruck zeigt bei seiner erneuten Lektüre nach 20 Jahren, wie sehr doch kleinstädtische Kommunalpolitik damals (nur damals ?) von patriarchalischen Strukturen geprägt war, das Klüngelwesen und die Amigo-Freundschaften pflegte, sich in den Nebenparlamenten der lokal-bedeutungsvollsten Vereine und Ratskeller-Debatten abspielte und sitzfleisch-erprobte und trink-feste Männerfiguren als Hauptakteure hatte. Das Dreieck aus lokaler Wirtschaft, kleinstädtischer Geschäftswelt und kommunaler Honorenschaft, funktionierte noch ungestört, so daß die Studie in ihren Schlußfolgerungen sehr anschaulich belegt, warum es damals ein so breites Unbehagen an der noch nicht entdeckten (und auch im Buch nicht untersuchten) politischen "Basis" gab und die "außerparlamentarische Bewegung" einen solchen Zulauf hatte. Das Buch ist, sowohl als fundiertes, material- und anschauungsreiches Zeitdokument, als auch als ein methodisch interessantes Grundlagenbuch zum Studium kommunaler Machtstrukturen, äußerst lesenswert.

 

Platz 10

Hans Meister/Gerry Wolf: AGRI CULTUR. Menschen schaffen Landschaft. Leopold Stocker Verlag, Graz 2003 (ISBN 3-7020-1000-9)

Eigentlich wissen wir alle, daß der Begriff der "Kultur" aus der "Agri-Kultur" stammt, aber wir als "moderne Menschen" brauchen dazu, um diesen Verbindungsweg wieder herzustellen und zurückzufinden zu können, immer wieder den Umweg über die bürgerliche Ästhetik kulturvoller und schöner Bilder. Solche Bilder liefert dieses Buch, das sich in die Bildfenster "Agricultur, Landschaft und Menschen" unterteilt. Der Blick geht hinaus in die heutige Landschaftsrealität der heugefüllten Plastikwürste auf der Wiese, der bis zum Horizont gestapelten Strohpresswürfel, der mit einem Regenbogen überspannten doppelbereiften und tiefpflügenden Schwertraktoren. Skelettierte Hochspannungsleitungen, alu-glänzende Silotürme und schieb- und zugleich ziehend-pflügende Traktoren auf Ackersteppen, brechen sich mit auf blühenden Wiesen sitzenden Kindern, heu-rechenden Bäuerinnen und frei-laufenden Gänsen. Vielleicht brauchen wir diese widersprüchlichen Bilder, um den eigentlichen Wert der Landschaft, ihr Wert für unserer Wohlfühlen, zu erkennen. Die heutige Landschaft ist keine Idylle (mehr) und das Buch versucht uns diese schmerzhafte Erkenntnis in seinen Brüchen bewußt zu machen. Dies ist sein großes Verdienst gegenüber den vielen rückwärtsgewandten Bildbänden, deren Landschaftswunschbilder meist irgendwo in den 1950er Jahren stehen geblieben zu sein scheinen.

 

 

 

 

 

 

Die BESTENLISTE - Nr. II/2004

(Herbst 2004)

 

Platz 1

Reinhard Papst (Hrsg.): Theodor W. Adorno: Kindheit in Amorbach. Bilder und Erinnerungen. Insel Taschenbuch 2923. Insel Verlag, Frankfurt-Leipzig 2003 (ISBN 3-548-34623-6).

Während T.W. Adorno in seiner ganzen Sichtweise als ein Vertreter der urbanen Moderne und Aufklärung gilt, zeigt diese biographische Recherche, daß seine kindliche Herzensprägung durchaus im kleinstädtisch-provinziellen Milieu des über alles geliebten Amorbach zu Hause ist. Der Urlaubsort seiner Kindheit und Remigrantenzeit war in seiner Biographie wohl der einzige Ort, der das Etikett "Heimat" verdiente, auch wenn T.W.Adorno diesen Begriff fast nur in persönlichen Briefen verwendet hat und mit dem Attribut seines "Lieblingsstädtchens" als rationaler Aufklärer schon hart an der emotionale Grenze einer Verklärung angelangt ist.

In einer wunderbaren Spurensuche vor Ort werden die Bilder der verlorenen Kindheit, aus Adornos Briefen und autobiographischen Texten des Gesamtwerkes, vor allem mit seinem wohl emotionalsten Essay "Amorbach" (ersterschienen 1966), verglichen und überschnitten. Durch diese Überblendung wird erst deutlich, wie viele Motive der Kindheit doch die späteren Sprachbilder prägten, wie die große Welt in dieser kleinen Welt ihren Ur-Sprung hatte. Ein einzigartiges Dokument bibliographisch-biographischer Literaturrecherche und daher zurecht unsere Nummer 1 der BestenListe.

 

Platz 2

Christoph Hein: Landnahme. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2004 (ISBN 3-518-41601-4).

Das Buch "Landnahme" schafft einen doppelten Spagat: Es ist sowohl ein Kleinstadt- als auch ein Gesellschaftsroman der deutschen Nachkriegsgesellschaft und es schafft auch - obwohl seine Handlung in der fiktiven Kleinstadt "Guldenburg" im Süden der DDR spielt - die Kleinstadtwelt Ost und West in einer grundsätzlichen Charakteristik der Kleinstadtentwicklung nach 1945 zusammenzuführen. Dabei sind dem Autor autobiographische Erfahrungen und Erlebnisse sicher zu gute gekommen, denn nur einer, der die Kleinstadtstrukturen so gut kennt, kann sie sprachlich auch so treffend wiedergeben.

Im Mittelpunkt der Schilderung steht das Flüchtlingskind Bernhard Haber, das als Fremder, Flüchtling und Ausgebombter - wie Millionen anderer Schicksale - auf dem geschrumpften Ex-Reich-Territorium der BRD und DDR nicht willkommen war. Wer in dieser Kleinstadtgesellschaft Anerkennung bekommen will, muß mit allen Mitteln nach oben und dem sperrigen Held des Romans gelingt dies: Er wird Geschäftsmann und erkämpft sich darüber seinen Platz in der kleinstädtischen Hierarchie. Dieser Weg bleibt aber widersprüchlich und trägt sichtbar die Wundmale der Kleinstadtgesellschaft: Langweile und Schrecken, Banalität und kleinbürgerliche Erotik-Ausbrüche, verdeckte Gewaltstrukturen, aber auch die durch einzelne Personen verkörperte Hoffnungsstreifen einer neuen Welt, in sich. In fünf Erinnerungen an das widerständige Flüchtlingskind wird das Kleinstadtleben in der DDR aus fünf unterschiedlichen Perspektiven und Zeitabschnitten bis zur Wende als Mikrokosmos eines keineswegs geschlossenen Kleinstadt-Weltbildes, sondern in seiner ganzen Widersprüchlichkeit nachgezeichnet, die keinerlei Idylle erkennen oder aufkommen läßt. Vielleicht macht gerade diese Authentizität diesen Roman zum ersten wirklichen Kleinstadtroman der deutschen Kleinstadt nach 1945, weil er so unsentimental, ideologiefrei und nicht heimat-kitschig (Ir)Realitäten im Kleinstadtleben schildert, die leben, weil sie scheinbar unstimmig sind. Auch aus unserer Kleinstadt- und Landsicht heraus ist dies ein Buch, das zur (Er)Kenntniserweiterung eines vielfach antiquierten Kleinstadtbildes beiträgt und daher zurecht in unserer BestenListe Platz 2 belegt.

 

Platz 3

Peter Exner: Ländliche Gesellschaft und Landwirtschaft in Westfalen 1919-1969. Forschungen zur Regionalgeschichte Band 20. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1997 (ISBN 3-506-79592-9).

Auf den ersten Blick scheint die untersuchte Zeitspanne von 1919-1969 willkürlich gewählt. Im Buch aber wird deutlich, es geht bei dieser Untersuchung um die Epoche der Modernisierung der ländlichen Gesellschaft, einer Modernisierung, die sich auch durch die Zeit des Nationalsozialismus hindurchzog, und Ende der 1960er Jahre dann im Leitbild und teilweise auch in der gesellschaftlichen Realität der "urbanisierten Wohngemeinde" endete. Die Dorfgesellschaft wurde "entbäuerlicht", das Dorf verlor seine Funktion als Mitte der Arbeits- und Lebenswelt und wurde zum Wohnstandort anderweitig beschäftigter Pendler. Die Agrarmodernisierung (Technik-, Maschinen- und Schleppereinsatz, Elektrifizierung und Chemisierung, Aussiedlung und Höferationalisierung etc.), führt zum Rückgang der Beschäftigung in der Landwirtschaft, zum Niedergang des Landhandwerks und Kleingewerbes in den Dörfern, zur räumlichen Mobilität der Dorfbewohner. Die Binnenmodernisierung des Dorfes schlägt sich in einer Verschiebung der Dorfeliten, in einer aufkommenden Freizeitkultur, in einer Veränderung im Heiratsverhalten, in einer Motorisierung der Dorfbürger und in einer flächendeckenden Verbreitung der Medienkultur (Radio, Fernsehen) nieder. Das Buch vermittelt mit seiner gut aufbereiteten Materialfülle einen anschaulichen Nachvollzug der "stillen Modernisierungsrevolution" auf dem Lande, die ökonomisch und technisch in breiter Front akzeptiert wurde, aber gesellschaftlich in langwierigen Kämpfen zwischen dörflichen Ober- und Unterschichten, Altbürgern und Flüchtlingen, Katholiken und Protestanten, Traditionalisten und neuen Brauchtumspflegern, ein "langes Nachgefecht" hatte. Aufgrund seiner grundsätzlichen Darstellung des ländlichen Gesellschaftswandels in dieser Epoche gehört diese Monographie zur Basisliteratur dörflicher Geschichtsforschung und ist auch bundesweit vorbildhaft.

 

Platz 4

Anton Rohrmoser (Hrsg.): GemeinWesenArbeit im ländlichen Raum. Zeitgeschichtliche und aktuelle Modelle aus den Bereichen Bildung, Kultur, Sozialarbeit und Regionalentwicklung. StudienVerlag, Innsbruck 2004 (ISBN 3-7065-1859-7).

Während die bundesrepublikanische Regionalentwicklungsszene inzwischen fest im Griff eines universellen "Regionalmanagements" nicht nur sprachlich gefangen ist, sondern auch konzeptionell erstarrt, haben sich die österreichischen Regionalentwickler, allen voran, der Pionier der ersten Stunde, Toni Rohrmoser, den "Luxus" erlaubt, einmal über die Entstehungsgeschichte der gemeinwesenorientierten Regionalentwicklung nachzusinnen und ihrem 25-jährigen Jubiläum in Form dieses Buches ein reflektierendes Denkmal zu setzen. Eine Bewegung, die sich selbst immer als "Grasswurzelrevolution" verstanden hat, tut es durchaus einmal gut, auch über die eigenen Wurzeln nachzudenken und sich diese wieder bewußt zu machen. Daß in diesem Buch auch ein Beitrag zu "25 Jahren Eigenständige Regionalentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland" abgedruckt ist, hat seine Ursache darin, daß es den deutschen Protagonisten der Eigenständigen Regionalentwicklung bisher - trotz mehrer Versuche - nicht gelungen ist, ihre Geschichte in einer entsprechenden Tagung und einer dokumentarischen Publikation aufzuarbeiten. Das hier vorliegende Buch hat also einen doppelten Vorbildcharakter: Zum einen zeigt es die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Selbstreflexion der Regionalentwickler und Gemeinwesenarbeiter auf, zum anderen zeigt es am Beispiel Österreich, daß dies möglich ist und wie dies praktisch geht. Daher sei dieses Buch allen Alt-Regionalentwicklern als anschauliche Erinnerungsstütze und allen Neu-Regionalentwicklern als praktisch-dokumentierter Beweis dafür, daß die Regionalentwicklung bereits eine längere (Vor)Geschichte hat, wärmstens empfohlen.

 

Platz 5

Michael Machatschek: Laubgeschichten. Gebrauchswissen einer alten Baumwirtschaft, Speise- und Futterlaubkultur. Böhlau Verlag, Wien- Köln-Weimar 2002 (ISBN 3-205-99295-4).

Während heute - auch im ländlichen Raum - das Laub allherbstlich mit lauten Laubsaugern bekämpft und vom Zierrasen und den Fußwegen vor den Häusern als "Unrat" vertrieben wird, oder als "Laubglätte" auf den Straßen und "Verspätungsübel" auf den rutschig-gewordenen Eisenbahn-Gleisen gefürchtet wird, macht dieses Buch schmerzlich bewußt, daß das Laub historisch ein "Segen" war und einen wichtigen und unerlässlichen Faktor in der ländlichen Ernährungs- und Futterwirtschaft darstellte. Es diente als Viehfutter und Einstreu im Stall, als Kompostierungsgrundlage und Dämmstoff, als Ersatzstoff für das wertvolle Stroh und das allein für das Vieh vorbehaltene Heu. Wie sehr das Laub begehrt war, zeigen Erlasse aus dem 19. Jahrhundert, in denen das Sammeln von Laub in den Wäldern verboten wurde, um die natürliche Re-Kompostierung des Waldbodens nicht zu gefährden. Die hier vorliegende "Kulturgeschichte der Baum- und Laubwirtschaft" gräbt diese historische Bedeutung wieder aus und schließt damit eine Gedächnislücke in der ländlichen Entwicklungsgeschichte. Sie leistet als erste umfassende Dokumentation über die Bedeutung der Laubnutzung Pionierarbeit und steht deshalb zurecht in unserer BestenListe.

 

Platz 6

Horst A. Wessel (Hrsg.): Das elektrische Jahrhundert. Entwicklungen und Wirkungen der Elektrizität im 20. Jahrhundert. Klartext Verlag Essen 2002 (ISBN 3-89861-146-9).

Während in den Freilichtmuseen landauf, landab immer noch die Dorfschmieden als die Technik der aufkommenden Modernisierung gelten und die Sammlungen um 1900 enden, zeigt diese Buch schon im Titel, daß das 20. Jahrhundert das "Zeitalter der Elektrifizierung" war und es längst Zeit wird, daß sich auch die ländliche Entwicklung zu diesem Entwicklungsträger bekennt und verhält. Die erste technische Revolution in der Landwirtschaft war in der Breite nicht der Traktor, sondern der Elektromotor auf den Höfen, der als Zugkraft Mensch und Tier ersetzte und den Arbeitsalltag in der Landwirtschaft maßgeblich erleichterte. Der Elektromotor war in den landwirtschaftlichen Kleinbetrieben der "stationäre Traktor" für alle Maschinen, Hebevorrichtungen und Antriebswellen. Auch wenn in diesem Buch nur ein Kapitel sich explizit mit "Strom für Haus, Hof und Feld", also mit den "Entwicklungen der Elektrizität in der Landwirtschaft" beschäftigt, so haben auch die anderen Kapitel zur "Elektrizität im Haushalt, in der Freizeit und in der Telekommunikation" inhaltliche Verbindungen zum ländlichen Alltag, dessen "Stromhunger" ebenso ausgeprägt war und ist, wie der in den Städten.

Ein wichtiges Buch, das daran erinnert, was die gesellschaftliche Entwicklung des 20. Jahrhundert, auch auf dem Lande, dem Energieträger Elektrizität zu verdanken hat und das hoffentlich dazu beiträgt die oben thematisierte "Techniklücke" in der ländlichen Entwicklungsforschung und -darstellung ein wenig zu schließen.

 

Platz 7

Thomas Drexel: Bauernhäuser. Renovieren, umbauen, erweitern. Von der Lust auf dem Land zu wohnen. Deutsche Verlags Anstalt, München 2003 (ISBN 3-421-03425-7).

Alten Bauern- und Landhäusern wohnt oft ein Zauber inne, vermitteln sie doch eine Tiefergründung in Geschichte, eine eingewohnte Heimeligkeit, eine Sehnsucht nach generativer Verortung. Vor allem auf Neubewohner, die nicht die vielen Vorgeschichten der Bewohner, die störrischen Hausgeister und die umherwandelnden Patriarchen kennen, wirken solche Häuser verzaubert und bezaubernd. Stimmungsvolles Wohnen in besonderer Atmosphäre, ländliche und naturnahe Lage, der Spielraum für Kinder, das Abtauchen in eine entschleunigte Welt, machen die Anziehungskraft alter Gebäude aus. Damit dieser Wohnwunsch gelingen kann, braucht es gerade bei Altbauten elementarer Vorkenntnisse, viel Idealismus und einen langen Atem. Wie richtigerweise vorzugehen ist, welche Gebäudeprüfungen notwendig sind, wie die Sanierung mit Augenmaß gelingen kann, wie gelungene Beispiele aus vielen Landschaften Deutschlands aussehen können, vermittelt dieses bilderreiche Buch. Es unterscheidet sich von den vielen Landhaus-Interieur-Bücher wohltuend dadurch, daß es funktionelles Bauen mit ländlicher Nutzungsästhetik verbindet, also nicht Puppenhaus-Atmosphäre vermittelt, sondern heutige, vielschichtige Nutzungsansprüche an modernes Wohnen auf dem Lande berücksichtigt. "Neues Bauen mit und in einem alten Haus" könnte das Motto dieses Bildbandes sein, der nicht nur für potentielle Bauherren, sondern auch für alle frei-raum suchenden Landbewohner schöne Ideen für luftigeres Wohnen bereithält, so daß die "Lust auf dem Lande zu wohnen" wirklich spürbar wird.

 

Platz 8

Brunhilde Bross-Burkhardt / Bärbel Schlegel: Bauerngärten in Baden-Württemberg. Silberburg-Verlag, Stuttgart 2002 (ISBN 3-87407-504-4).

Mit der neuen Sehnsucht nach Bodenhaftung und Verwurzelung hat auch der alte Bauerngarten wieder Hochkonjunktur. Als neues Kulturfeld der Freilichtmuseen in den 1990er Jahren kultiviert, um die ländlichen Herrschaftssitze herum als Touristenaugenweite stets gepflegt, wird er nun, dank engagierter Landfrauen, auch im alltäglichen Dorfbild wieder präsent. Er verbindet Schönheit mit Nützlichkeit, Funktionalität mit Farbenpracht und Besitzerstolz mit gelungener Außendarstellung. Das mit wunderbaren Bildern ausgestattet Buch widmet sich der "Kulturgeschichte des Bauerngartens", definiert die wesentlichen Elemente des "klassischen" Bauerngartens, entführt in das "grün-bunte Paradies" hinter den alten Gartenzäunen. Alte und neuangelegte Kloster- und Bauerngärten werden vorgestellt, konkrete Pflanztipps und Gestaltungselemente vermittelt und in einem landesweiten Bauerngarten-Führer bestehende Bauerngärten erfaßt. Besonders erfreulich ist, daß immer wieder die eigentlichen Schöpferinnen dieser besonderen Kleinode auf dem Land auch auf den Fotos mit auftauchen und hier nicht die Unsitte der Country-Interior-Darstellungen, die bloße Sachabbildung, um sich greift. Wer sich in diese besondere Zauberwelt entführen lassen will, findet in diesem Buch die entsprechenden Traum-Bilder dazu.

 

Platz 9

Angela Treiber: Volkskunde und evangelische Theologie. Die Dorfkirchenbewegung 1907 - 1945. Böhlau Verlag, Köln-Weimar-Wien 2004 (ISBN 3-312-14603-X).

Während auf katholischer Seite der Sektor der "religiösen Volkskunde" einen festen Bestandteil der kirchenöffentlichen und volkskundlichen Diskussion von 1900 - 1930 einnimmt und z.B. in den moralisierenden und volksfrömmelnden Bestsellern von Josef Weigert ("Das Dorf entlang") eine große Verbreitung fand, tat sich die protestantische Kirche immer schwer mit der zunehmenden "Entkirchlichung und Modernisierungskrise der Dörfer" umzugehen. Evangelische Rationalität und mythenverhaftete Volkskunde schienen nicht so leicht zueinander zu passen. Das kulturpessimistische Weltbild des Protestantismus war geprägt durch die Endstadien eines Zerfalls und Niedergangs, durch unaufhaltsame Vermassung, einer Herrschaft der Äußerlichkeit und Scheinkultur. Der die dorfkirchliche Diskussion seit Mitte der 1850er Jahre bereits beherrschende Riß zwischen "Volk und Gebildeten", der so viele Landlehrer- und Dorfpfarrerbiographien als Dauerproblem durchzieht, schien zu Beginn des 20. Jahrhundert unter dem steigenden Industrialisierungsdruck breiter zu werden und damit die Versöhnung in einer "religiösen Bauernkunde" nicht mehr zu gelingen. Die "einsame Seele" des evangelischen Pfarrhauses schien vom "Volk" abgekoppelt, der unerschütterliche Petrus-Felsen der "Dorfkirche" angesichts der Gezeitenstürme zu wanken und eine "protestantische Volkstümlichkeit" war nicht in Sicht. Das "evangelische Pfarrhaus" war mächtiger als die ersehnte "Dorfkirche": Die praktizierte "Pastorenkirche" des Amtes verhinderte eine dorfnahe "Volkskirche".

Dieser Konflikt wurde in den 1930er Jahren letztlich "autoritär" gelöst: Der Ruf nach einer "höheren Ordnung" wurde unter den in ihrer Autorität gekränkten und religiös zutiefst verunsicherten Dorfpfarrern immer lauter: "Heilige Ordnungen" von Sitte, Brauch, Gemeinschaft, Anstand, Heimat und Haus, sollten die sozialen Erosionsprozesse stoppen und die protestantische Weltdeutung "vollkommener Ordnung" zum Siegeszug verhelfen. Die protestantische Sehnsucht nach einer autoritären Vergemeinschaftung wurde zur offenen Flanke und die Ursache dafür, warum so viele evangelische ländliche Regionen und Kirchenleute bereits in den 1930er Jahren mit fliegenden Fahnen zum Nationalsozialismus überliefen und eine Synthese von "Volksgemeinschaft" und "Volkskirche" so vehement herbeiwünschten.

Das Buch ist daher mehr als nur eine Beschreibung des gespannten und letztlich gescheiterten Verhältnisses von Volkskunde und evangelischer Theologie, nämlich auch ein Sittengemälde dafür, warum der trocken-nüchterne, teilweise in einer "Haltungs-Askese" erstarrte, Protestantismus gegenüber "großen Ordnungsmächten" so leicht entflammbar, begeisterungsfähig und verführbar war. Ein umfangreicher biographischer Anhang der Protagonisten dieser Epoche rundet dieses lesenwerte Buch, das einen Grundkonflikt des Protestantismus, seine unterernährte Fröhlichkeit, sichtbar macht, ab.

 

Platz 10

Heike Schiebeck: Gewitzt und beharrlich. Wege bergbäuerlicher Selbsthilfe an der Grenze zwischen Kärnten und Slowenien. Drava Verlag, Klagenfurt 2004 (ISBN 3-85435-426-6).

Manchmal ist tatsächlich der Weg das Ziel, wie das Beispiel der in diesem Buch dargestellten Coppla-Kasa-Initiative (der Name geht auf die Bezeichnung  "Kornspeicher" der Marktgemeinde "Eisenkappel-Vellach" zurück) aus Südkärnten zeigt. Ein von ihr kreierter Wanderweg von Hof zu Hof führt nicht nur über die Hofgrenzen hinweg und vernetzt sie zu einem Selbstvermarktungsprojekt, sondern überwindet auch die alten Landesgrenzen und verbindet alte Wanderwege mit dem und im neuen Europa. So wurden Bauernhöfe in Kärnten und Slowenien zu einer Kernzelle neuer Absatzwege für bäuerliche Produkte, zu einer alternativen Form sanfter touristischer Erschließung und zu einer neuen Wert- und Hoffnungsressource der Region. Das von unten gewachsene Projekt erhält seine Stärke und Überzeugungskraft durch die Energie seiner Aktivisten, ihrem Mut, ihrer Ausdauer und Gewitztheit.

Der aus Norddeutschland zugezogenen Autorin, selbst eine engagierte Longo-mai-Frau, gelingt es durch ihren Doppelblick als "Zugezogene" und gleichzeitig "Lokal-Aktive" diesen Weg in einem die Begeisterung der Tat stets spürbaren Buch nachzuzeichnen und so beste Wissenschaft im Sinne der Sinnlichkeit zu liefern. Daß eine Diplomarbeit am Institut für Geographie und Regionalforschung an der Universität Klagenfurt, die Grundlage dieses Buches war, auch einmal eine solche "emotionale Tiefe" haben kann, ist ein Sieg der Erfahrungswissenschaft über die oft zu trockene Wissenschaftssprache, die viel zu oft gerade das eliminiert, wofür sie sich vorher so begeistert hat. Ein mutmachendes Buch, ganz in der guten, positiven Tradition der österreichischen eigenständigen Regionalentwicklung von unten der 1980er Jahre, das die "Graswurzel-Kräfte" zeigt, die tatsächlich "bewegen" und die Ganze heute vorherrschende kalte "Management-Rhetorik" nicht braucht und bewußt nicht benutzt.

 

 

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