BestenListen 2008

PRO-REGIO-ONLINE BESTENLISTE

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BESTENLISTE

- Die wichtigsten Bücher
zum Thema Ländlicher Raum -

 

Unsere BESTENLISTEN 2008

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Die BESTENLISTE - Nr. II/2008

(Herbst 2008)

 

Platz 1

Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. Siedler Verlag, München 2008. (ISBN 978-3-88680-861-8)

Wie eng das Thema der Vertriebenen mit dem Thema Land verwoben ist, zeigt die statistische Tatsache, dass mehr als siebzig Prozent der 14 Millionen Vertriebenen und dazu zusätzlich noch viele der Evakuierten und Ausgebombten, Wohnungslosen, Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft und andere - im übertragenen Sinn „Heimatlose“ und „Entwurzelte“ - auf dem Land untergebracht wurden, wo die Kriegsschäden relativ gering waren. Die wirkliche Reibungsfläche zwischen den Flüchtlingsschicksalen und der einheimischen Bevölkerung fand also in den 1940er Jahren vorrangig im ländlichen Raum statt. Das in bisherig unbekanntem Maße stattfindende massenhafte Zusammentreffen von Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft, Konfession und Bildung, die überdies in ihren kulturellen Wertvorstellungen und ihrem zivilisatorischen Status nicht übereinstimmten, musste in einer, in dieser Zeit, noch in sich geschlossenen ländlichen Gesellschaftsordnung zwangsläufig zu Spannungen führen. Oft kamen gut ausgebildete und angesehene Stadtbewohner aus Böhmen und Schlesien als „Habenichtse“ auf Bauerndörfer. Hier galten sie nichts und hatten nichts zu melden. Neben der Ignoranz der Einheimischen machte ihnen ihr abrupter sozialer Abstieg zu schaffen. Ehemals selbständige Gutsbesitzer und Bauern mussten sich als Knechte und Landarbeiter verdingen, Fachkräfte aus Handel, Handwerk und Industrie sich oft jahrelang als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft durchschlagen. Millionen Heimatlose standen vor dem Nichts inmitten einer feindlich gesinnten Umwelt, die nur ihre Besitzstände zu wahren trachtete, und die zunehmend gereizt auf die Masse der Vertriebenen reagierte. Die wahre Meinung der ortsansässigen Bevölkerung machte sich z.B. in der folgender Parole beim Lahrer Faschingsumzug Ende der 1940er Jahren Luft: „Badens schrecklichster Schreck: der neue Flüchtlingsdreck !“ Und diese Parole war noch eher harmlos, denn im Volksmund hießen die Flüchtlinge nur: „Polacken, Flüchtlingsschweine, Rucksackdeutsche, 40-kg-Zigeuner“ und galten allesamt als „faul und arbeitscheu“, „dreckig“, „verlaust“ und „voller Flöhe“. Konnten die Flüchtlinge mit diesen offenen Beschimpfungen noch einigermaßen gut umgehen, so trafen sie die subtilen Verletzungen im Alltag mitten ins Herz, z.B. das Haus nur über den Hintereingang betreten zu dürfen, auf dem dörflichen Tagelöhnermarkt von den Bauern wie Vieh taxiert zu werden, nach der Nachlese auf den abgeernteten Ähren- und Kartoffelfeldern von dem überraschend auftauchenden Bauern um ihre „Ernte“ gebracht zu werden. Für viele Vertriebene, die auf Solidarität oder einfach nur Mitgefühl gehofft hatten, war der Empfang im Westen ein Schock. Auf die Vertreibung folgte nun die bittere Erfahrung von Ausgrenzung und Ablehnung als unerwünschte Fremde. Sie mussten sich anpassen im Westen ihres Vaterlandes, das ihnen zur „kalten Heimat“ wurde. Die einheimische Bevölkerung hatte fast alles bewahren können, was einem Leben Halt und Kontinuität gab: Heimat, Haus, Besitz, Erwerbsquelle, Land zur Sicherstellung der Nahrung und vor allem den angestammten sozialen Status und die gesicherte Identität. Den Vertriebenen fehlte das alles. Sie waren im Niemandsland des Nichtsmehrbesitzens, des Nirgendwohingehörens, des Nichtsmehrgeltens und Nichtsbescheidwissens untergegangen. Einige scheiterten an soviel Nichts, wurden krank, depressiv, arbeitsunfähig oder begingen Selbstmord. Andere versuchten diese Verluste durch Überanpassung zu kompensieren und flüchteten sich die unrealistische Hoffnung einer baldigen Rückkehr. Wieder andere entwickelten den eisernen Willen, sich nach oben zu arbeiten und so durch Tüchtigkeit diese Elendszone verlassen zu können. Vor allem unter den ehemaligen Bauern scheiterte auf breiter Front der Versuch, den erlittenen Statusverlust wieder zu kompensieren: Nur 6,3 Prozent der ehemals selbständigen Bauern schaffte es, auf zumeist kleinen und bald unrentablen Höfen wieder eigenen oder gepachteten Boden zu bearbeiten.

Das Buch belegt anhand einer Fülle von lokalen und regionalen Zeitzeugenaussagen und Quellendokumenten, wie der Empfang der Vertriebenen in den 1940er und 1950er Jahren vor Ort wirklich aussah und wie schwierig für sie der langwierige Weg zu einer „warmen Heimat“ tatsachlich war. Viele haben diese in den Dörfern erst nach 30 Jahren, manche bis heute noch nicht erreicht. Dieser breite Fundus an anschaulichen Schilderungen und Belegen und die sehr gut verständliche Sprache des Autors, sowie seine beinahe sozialpsychologische Einfühlsamkeit in die innere Lage der Menschen, machen dieses Buch zu einem Meisterwerk, das in jeder Land-Bibliothek einen festen Platz einnehmen sollte, und daher bei uns zurecht den Platz 1 unserer BestenListe belegt.

 

Platz 2

Oliver Storz: Die Freibadclique. Roman. Schirmer Graf Verlag, München 2008. (ISBN 978-86555-057-6)

Der Roman über die Freibadclique (bestehend aus fünf 15-jährigen Gymnasiasten) handelt in der Kleinstadt Salzlach, unschwer als Schwäbisch Hall erkennbar (Salz, Me-262 Montage-Ort, Fliegerhorst, nahe Heilbronn), in den Jahren 1944/1945, Kriegzeiten also. Die Jungen der Clique waren dem Endsieg zugesprochen, für das Finale des Dritten Reiches bestimmt. Schon in seinem früheren Roman: „Die Nebelkinder“ spielte das Freibad als Sinnesort pubertär-erotischer Jugendträume eine große Rolle. Es ist der jugendkulturelle Mittelpunkt der Sommerzeit in einer Kleinstadt, trotz Krieg und NS-Zeit. Storz gelingt es wieder mit furiosem Wortwitz die letzten NS-Jahre zu charakterisieren und die Wirren der ersten US-Besatzungszeit zu schildern. Jazz-Musik gegen die vereinnahmende Marsch- und Opfermusik, gegen die Aufopferungsforderung der Nazis, „für Führer und Volk“ zu sterben. Er berichtet von den Versuchen einiger Jugendlicher sich den permanenten Werbebemühungen der SS zu entziehen, deren Ziel es letztlich war, den Schuljahrgang 1929 einzukassieren. Der große „Pathos von Führer und Volk“ geht an der Freibadclique vorbei, verblasst gegenüber den jung-erotischen Phantasien und unmittelbaren Lebensbedürfnissen. Nach Schanzarbeiten am löchrigen Westwall werden einige Jungs der Freibadclique - schlecht ausgebildet - an die nahe Front bei Crailsheim geschickt, um in den Einheiten der Waffen-SS zu dienen, deren sinnloses Werk es war, das deutsche Volk zu terrorisieren, Verwüstungen in den Dörfern und Kleinstädten anzurichten, aufgegriffene Deserteure massenweise an den Bäumen aufzuhängen, den Vormarsch der US-Amerikaner irgendwie einige Zeit zu verzögern. Den Jungs gelingt schnell die Flucht von der Front, die von völliger Auflösung gekennzeichnet ist, und sie kehren, die Waffen wegwerfend, heim in ihre Kleinstadt. Bald nehmen die US-Amerikaner die Kleinstadt ein, errichten dort eine Garnison, besetzen die Leerstelle der Me-262 Piloten, die bei der Haller Frauenwelt erfolgreicher als mit ihrer Wunderwaffe waren. Fraternisierung, Schiebereien, „Displaced Persons“, amerikanische Filmkultur und Waren, Hemingway, Spannungen und Schlägereien zwischen weißen und afro-amerikanischen Soldaten, kennzeichnen diese wilde Übergangsphase, die für die durch Verluste dezimierte Freibadclique mit dem neuen Schuljahr und alten Lehrern endet. Themen, die Storz auch in seinen Filmen (z.B.: „Drei Schwestern Made in Germany“) immer wieder aufgegriffen hat. Der exakt nachzeichnende Sprachreichtum, die besondere Detailgenauigkeit, die vielfältigen Schilderungen der kulturellen Milieus in diesem Roman, das beherrscht Oliver Storz wie kein anderer und machten das Buch zu einem klaren Kandidaten unserer BestenListe.

 

Platz 3

Reinhard Müller: Marienthal. Das Dorf – Die Arbeitslosen – Die Studie. StudienVerlag, Innsbruck / Wien / Bozen 2008. (ISBN 978-3-7065-4347-7)

Die „soziographische Studie“: „Die Arbeitslosen von Marienthal“, die Anfang der 1930er Jahre in diesem Industriearbeiterdorf entstand, wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Klassiker der empirischen Sozialforschung und gilt bis heute immer noch als das Standardwerk zum Thema Arbeitslosigkeit und als eine bedeutende Gemeindestudie. Seine literarische Eindringlichkeit, die wortgenaue Beschreibung der „müden Gemeinschaft“, der „Schrumpfung des psychologischen Lebensraumes“ und des „Zusammenbruchs der Zeitstruktur“ sowie seine leichte Lesbarkeit machen die „Marienthal-Studie“ zum Meilenstein der Sozialreportage einer Arbeitslosengesellschaft.

Das Buch von Reinhard Müller versucht nun nicht, die vorliegende Studie in einer weiteren Interpretation und sozialwissenschaftlichen Würdigung zu rezitieren, sondern will mit seiner Arbeit die „Geschichte hinter der Geschichte“ erhellen und ermittelt dabei in vier Richtungen. Zum ersten, in Richtung des Ortes hinter dem Ort, der zum Vorschein bringt, dass es sich beim angeblichen „Dorf“ Marienthal um gar kein Dorf im herkömmlichen Sinne handelt, sondern eigentlich um eine „Arbeiterkolonie“, die um die Tuchfabrik herum gebaut wurde. Diese direkte Abhängigkeit hatte zur „totalen Arbeitslosigkeit“ der 1300 Betroffenen geführt. In einem lang angelegten geschichtlichen Bogen, wird die Geschichte Marienthals als Teil der Geschichte des Hauptortes Gramatneusiedl von 1100 bis 2007 nachgezeichnet. Zum zweiten, in Richtung des Entstehungshintergrundes der Studie: zur Genese, zu ihrer Durchführung, zu ihrer Publikation und zu ihrer damaligen Rezeption. Zum dritten, in Richtung der Personen hinter der Studie, in Form der ausführlichen biographischen Darstellung des 18-köpfigen Forscherteams. Und zum vierten, in Richtung der Rezeptionsgeschichte der Marienthal-Studie bis heute in Form einer chronologischen Aufarbeitung der Veröffentlichungen (Publikationen und Medien) zur Studie.

Dem Autor gelingt mit dieser sehr umfangreichen und sehr detailbeflissen-ausgeführten Fleißarbeit eine Art „Archäologie des Ortes Marienthal“, die dazu beiträgt, dass wir heute mehr über Marienthal wissen, als das wenige, das in dem weltbekannten Buch von 1933 berichtet wird. Die Einbettung des Ortes in diesen geschichtlichen Kontext wirkt zweifach: Einerseits zerstört sie den „Mythos Marienthal“, der den Ort zu dem weltweiten Synonym einer an massiver „Arbeitslosigkeit erkrankten“ Arbeitslosengemeinschaft gemacht hat. Zum anderen hilft es dabei, den Ort von dieser stigmatisierenden Einengung und begrifflichen Gefangenschaft abzulösen und wieder in den geschichtlichen Fluß der Tradition und eigener Weiterentwicklung zu entlassen. Diese Wirkung birgt in sich etwas Entlastendes und Befreiendes, vor allem für die betroffenen Bürger, deren Leben vor der „Arbeitslosigkeitskatastrophe“ existiert hat und auch nach ihr notwendigerweise weiterexistieren musste.

Das Buch ist ein Meisterwerk, das das Wissen um und über Marienthal deutlich erweitert und erhellt hat, und als eine Pionierarbeit der „kontextualen Gemeindeforschung“ einzuschätzen ist und daher zurecht in unsere BestenListe gehört.

 

Platz 4

Ernst Halter: Über Land. Limmat Verlag, Zürich 2007. (ISBN 978-3-85791-517-8)

Da wohnt ein Schriftsteller 38 Jahre auf dem Land, mit dem Privileg, „nie vom Land leben zu müssen“ und entdeckt dann - quasi über Nacht - die Lebensweise „Land“ als literarisches Thema. Er beginnt über das Land nachzudenken, über das Land zu reden, über das Land zu schreiben. Das Buch bekommt folgerichtig den Titel: „Über Land“. Und das Schreiben über Land bekommt ganz unterschiedliche Facetten: Einmal wird essayistisch exakt die große Umnutzung des Landes, seine Deklassierung, seine Verspekulierung, seine Betonierung in drastischen Worten beschrieben. Zum anderen wird in einer einfühlbaren Sozialreportage das Leben der Bauern, die tägliche Existenzabringung aus dem Boden und harter Arbeit, sehr anschaulich nachgezeichnet. Und zum dritten wird in einnahe schwebenden Schilderungen die übergroße Bedeutung der Natur für die Formation und das Wesen von Land herausgefiltert.

Auf den ersten Blick verunsichert diese scheinbar unstrukturierte Aneinanderreihung von verschiedenen Beobachtungen und Erzählstilen, zumal die darin angesprochenen Themen der „Funktionalisierung des Landes“ für die städtischen Wachstumsbedürfnisse, des Niederganges des alten Lebenswertes Land, oder die Vernutzung des Naturraumes als Um- und Hinterland, ja allseits bekannte Themen sind und daher im Grunde keiner weiteren schriftlichen Wiederholung bedürfen. Auf den zweiten Blick aber erschließt sich eine bisher verborgene Ebene, wirken die gewählten Sprachbilder erst jetzt, wird hier etwas in einem Ausdruck formuliert, der Satz für Satz zitierfähig wäre, der zu Kernsätzen verdichtet - die nun völlig rechtfertigen, dass hier nochmals mit dem Augen eines Schriftstellers „Über Land“ geredet wird. Erst aus dieser Distanz wird das Besondere von Land sichtbar: die Land-Zeit, die Baum-Zeit, die Natur-Zeit des Landes. Der zuerst genannte Familienname, die Tüchtigkeit vieler Dorfhandwerker und der alte Stolz der Ländler über ein gelungenes (Tag)Werk. Diese Besonderheiten werden aber nie zu „Extrazügen“ des Landlebens hochstilisiert, das Land nicht vom Stadtprozess abgekoppelt gesehen, ein Rückfall in die Schollenschwere dunkle Landmythen nicht einmal angedacht, sondern stets das „Modernisierungsprojekt Land“ im Auge behalten, deren gesellschaftliches Ziel ein neues Solidaritätsverhältnis von Stadt und Land ist, auch wenn klar ist und bleibt: Die Land-Modernisierung muss auf dem Land, vom Land selbst, geleistet werden.

Die Stärke des Buches liegt in seiner gelungenen Grenzgängerei zwischen literarischem Landgang und soziologischer Landschaftsanalyse. Trotz kleiner Ausreißer in intellektuelle Selbstüberschätzungen, die z.B. in dem Satz gipfeln, dass das Buch „Über Land“ wohl die letzte Gelegenheit, es zu besichtigen und zu beschreiben“, werden könnte, oder trotz hier und da aufscheinender „intellektueller Landvernutzung-Versuche“, gepaart mit den Schüben eines alten Landfiebers, das aus der eigenen Erinnerung konservierend hervorruft, ist dieses Buch eine super gelungene literarische Auseinandersetzung mit dem Thema „Land“ und seiner heutigen Bedeutung, die in der Kernaussage mündet: „Weder ist das Land überflüssig, noch darf es kaputt gemacht werden. Es ist unverzichtbar. Davon berichtet dieses Buch.“ Und der vorliegende Bericht findet sehr überzeugend statt, so dass das Buch ohne jeden Zweifel in unsere BestenListe gehört.

 

Platz 5

Godehard Schramm: Ein Weltreich: Mein Dorf. Tagebuch-Roman aus Franken. Wek-Verlag, Treuchtlingen 2007. (ISBN 978-3-934145-48-1).

Gilt heute wirklich noch der einhundertfünfzig Jahre alte Satz des Dichters Friedrich Hebbel: „Jedes Dorf ist eine (kleine) Welt, in der die (große) Probe hält“ ? Glaubt man dem Titel des Buches von Godehard Schramm, so ist diese Frage mit einem eindeutigen „Ja“ zu beantworten, denn er glaubt in seinem Dorf dieses „Welt-Reich“ gefunden zu haben. Oder ist das Ganze eine Wort-Missverständnis, denn der Autor meint mit dem Begriff eigentlich nur eine „reiche Welt“ im Dorf vorzufinden ? Es hilft nichts: Um diese Frage wirklich beantworten zu können, ist es notwendig in das „Weltreich“ des Autors, in sein „Real-Dorf“ Neidhardswinden (in Mittelfranken), das gleichzeitig auch sein „Buch-Dorf“, genauer gesagt, sein „Tage-Buch-Dorf“ ist, einzutauchen. 1976 hatte sich der Autor in die 220 Seelen-Gemeinde „eingemietet“, als er ein Haus mit 130 Quadratmetern in eher heruntergekommenem Zustand, anmietete. (Die Renovierungsgeschichte des Hauses wird im Buch ausführlich beschrieben). Damit begann auch seine „soziale Einmietung“ ins Dorf, denn das Haus war im Grunde nur ein „Drittwohnsitz“, denn der Autor lebte eigentlich als ein „lokaler Drilling“ in der Stadt, auf dem Land und auf Reisen und war eigentlich innerlich wirklich nur in einem vierten Bereich daheim: beim Bücherlesen und in Umgang mit alle dem, was man als „Kunst“ bezeichnet. Über die letzten 32 Jahre begann dann ein Prozess des sozialen Einlebens: Das Dorf lebte sich in den Alltag des Autors ein und dieser lebte sich in das Dorfleben ein. Zeugnisse dieser Verbindung sind die Tagebuch-Aufzeichnungen dieser Jahre, die dem Buch als Gedankensteinbruch zugrunde liegen. Die erlebten Dorftage werden in ihm zu Bilderszenen. Die Tages-Daten der Tagebucheinträge erlöschen in Momentaufnahmen. Alltagsbeobachtungen und Detailbeschreibungen bauen das Dorf in der Sprache nach.

Die Annäherung an Ort beginnt klassisch: Auch ohne „google-earth-Landung“ beginnt sie mit der Suche des „Fleckens auf der Landkarte“, der konkreten Lage des Ortes, damit auch Außenstehende wissen, wo der „literarische Ort“ geographisch liegt. Diese Ortsbeschreibung sagt aber noch nichts über das Leben im Ort selbst aus – oder doch, wie alle „Provinzhasser“ mit ihrem Vorurteil bei Orten mit fünfstelliger Telefonvorwahl immer gleich meinen ? Wer dennoch eintaucht beginnt damit eine Jahresreise durch eine reichhaltige Dorflandschaft, die hinter den zwölf Monatsdaten alle Bruchstücke aus den 32 Dorfjahren zu kleinen Kalenderblättern voller Dorfbilder, Dorfeindrücke und Dorfsprüche zusammenfasst. Jeder Monat wird zu einer Sammlung von kleinen Abrisskalendern voller Erinnerungen, von Überschriften, die Ereignissen einen Namen geben. Die Themen sind vielfältig: Die immer geschmückten Häuser, die bunten Gärten und die unkraut-bereinigten Gehwege. Die dörfliche Schwierigkeit, über Nachbarschaftsprobleme offen zu reden und sie damit offensiv zu beseitigen. Die Einbrüche des Neuen ins Dorf: Die Kanalisation, die Entstehung des Neubaugebietes (das bei den Ureinwohnern abschätzig nur „Siedlung“ heißt), der unerwünschte Einzug der Milchkühlgeräte und Rollmilchkannen, die das alte Dorfzentrum, das „Milchhäuslein“ wegrationalisierten. Aber auch stille Beobachtungen von den streunenden Dorfkatzen, von noch draußen spielenden Kindern, von Einhalt gebietenden Beerdingungsritualen, gehören zu diesem Dorfgemälde. Bei aller Veränderung scheint gewiss: Das Dorf ist fest in sich verankert mit seinen festen Riten, seinen wiederkehrenden Dorftraditionen, seinen im Jahresrhythmus festgelegten Festtagsspeisen, die als Dorfgewissheiten so fest neben der Zeit zu stehen scheinen, als ob sie für ewig unerschütterlich wären, und alles gründet in der altfränkischen, dorfphilosophischen Grundweisheit: „Mach’ mer halt so weiter !“.

Das „NebeneinanderBeisammenSein“ - eine Wortkonstruktion des Autors – ist das Geheimnis, quasi der „innere Baustein“, dieses „Weltreiches Dorf“, das Glückgefühl, bei aller Individualität ein unersetzbarer Teil eines Ganzen, der diesem etwas Wichtiges hinzufügt, zu sein. In diesem Moment wird spürbar und wahr: „Das Dorf kann eine Welt-Konzentration sein. Es gibt Augenblicke, da vermisst du nichts von dem, was es hier nicht gibt.“ Aber die oft auch rabiate Dorfrealität dosiert diesen Zustand eben auf solche „Augenblicke“, die jede pauschalen Erklärungsversuche zu einem „Dauer-Weltreich“ verhindern, denn das „wahre Weltreich“ teilt sich nie auf den ersten Blick mit, sondern ist zum jahrelangen Blickeschärfen da.

Für uns gehört dieses Buch, das in seiner Erzählform vielleicht mehr als manche dorfsoziologische Abhandlung über das „wahre“ Dorfleben aussagt, zu einer echten Entdeckung und daher unbedingt in unsere BestenListe.

 

Platz 6

Reinhard F. Hüttl / Oliver Bens / Tobias Plieninger (Hrsg.): Zur Zukunft ländlicher Räume. Entwicklungen und Innovationen in peripheren Regionen Nordostdeutschlands. Forschungsberichte der Interdisziplinären Arbeitsgruppen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Band 20. Akademie Verlag, Berlin 2008. (ISBN 978-05-004485-9).

Das hier vorliegende Buch ist eine von der Interdisziplinären Arbeitsgruppe „Zukunftsorientierte Nutzung ländlicher Räume (LandInnovation)“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften verfasste Bestandsaufnahme zu den ländlichen Räumen Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns. Wie der Titel schon verrät geht es primär um die „Landnutzung“, d.h. der Zugang zum Thema Ländlicher Raum folgt quasi „vom Boden her“, aus den naturräumlichen Beschaffenheiten, aus der Kulturlandschaft und aus den naturbedingten, regionalen Entwicklungspotenzialen heraus. Das Buch steht damit in der Tradition alter Lehrbücher, die die Raumbeschaffenheit aus den natürlichen Raumbedingungen her ableitet. Im Zentrum der Analyse steht die einfach gestellte, aber nur komplex zu beantwortende Frage: „Welche Zukunft haben die ländlichen Räume ?“ Auf der Suche nach einer Antwort für die Gegenwart der ländlichen Regionen werden diese nach einem Netzwerkraster durchforstet: Landschaftsformation, Wasserhaushalt, Bodengestalt, Vegetation, Klima, Landschaftsnutzungswandel, ökonomischer und sozialkultureller Wandel seit 1990, Infrastrukturentwicklung seit 1990 und Beschaffenheit der Kulturlandschaft. Nach einer Zwischenbilanz dieser „objektiven Faktoren“ werden auf einer zweiten Ebene die aktuellen Grundlagen der Landnutzung beleuchtet: Die sich abzeichnenden regionalen und überregionalen Entwicklungstendenzen, die sich aus dem Paradigma einer „nachhaltigen Regionalentwicklung“ ableitenden Entwicklungspfade, die aktuellen Kontexte und Ausgangsbedingungen für eine „regional-eingebettete“ Land-Innovation. Der Innovationsbegriff wird dabei – wie bereits aus der Namensgebung der Arbeitsgruppe her ersichtbar – zum zentralen Schlüsselbegriff der Zukunftsstrategie. Diese selbst wird an fünf zentralen Komponenten entwickelt: anhand der nachwachsenden Rohstoffen, anhand der Tierproduktion und Tierhaltung, anhand der Pflanzen mit neuen Eigenschaften, anhand der Lebensqualität und Infrastruktur und anhand bisher noch nicht marktfähiger Güter und Leistungen und zu abschließenden Empfehlungen für den Zeitraum der nächsten 20 Jahre zusammengefasst.

Bei allen erforschten Kontinuitäten in der Landnutzung durch die Jahrhunderte und auch teilweise durch die Wende der 1990er Jahre hindurch, zeigen sich auch grundlegende neue Herausforderungen, die einen Kontinuitätsbuch bedeuten, wie z.B. der dynamische Prozess der Peripherisierung und Schrumpfung der untersuchten Regionen, das Auseinanderfallen zwischen einer festzustellenden relativ hohen wirtschaftlichen Prosperität der Landwirtschaft und einem massiven Rückzug der Bevölkerung aus den ländlichen Räumen und der bisher nicht eingetretene positiven Entwicklungsimpuls für die Brandenburger Landregionen durch die räumliche Nähe zur Supermetropole Berlin.

Durch die interdisziplinären Forschungsansatz gelingt es dieser Studie die Thematik Ländlicher Raum in einer bisher so nicht gekannten Breite – die selbst die Allround-Analysen einer breit gefächerten „Geographie Ländlicher Räume“ übersteigt – zu erfassen, auch wenn der thematisch-vorgegebene, sehr boden-nahe und naturalistische Ansatz einer Analyse aus dem „Blickwinkel der Landnutzung“ her, den Faktor Mensch, die Ebene der soziologischen Lebenswirklichkeiten in den Regionen und eine konkretere Bestimmung der für eine Veränderung vor Ort notwendigen „Raum-Innovateure“ etwas vernachlässigt wird.

Das Buch ist vor allem für Leser, die das Themenfeld Ländlicher Raum bisher in der Hauptsache aus soziologischem, sozio-geographischem oder sozialwissenschaftlichen Blickwinkel gesehen und betrachtet haben, eine klare Blickwinkel-Erweiterung und eine wichtige Ergänzung der Sichtweise. Sie können über seine Lektüre nicht nur einen fundierten Einblick in die breit gefächerte „Landnutzungs-Materie“, sondern auch einen „neuen Ganzheitlichkeitsblick“ des ländlichen Raumes gewinnen. Diese Gesamtleistung des Buches hat uns bewogen, es in unserer BestenListe zu empfehlen.

 

Platz 7

Christoph Ruf: Ist doch ein geiler Verein. Reisen in die Fußballprovinz. Verlag Die Werkstatt GmbH, Göttingen 2008. (ISBN 978-3-89533-596-9)

Berichte, Reportagen über den deutschen Fußball litten lange Zeit unter dem hölzernen Stil des „Kickers“, bekannt auch als Magazin für den strammen Rechtsschuß. Karl Heinz Bohrer prägte in seinem furiosen Essay über den deutschen Sieg in Wembley 1972 den Begriff „aus der Tiefe des Raumes“. Aus der „Tiefe der fußballerischen Provinz“ - und teilweise auch aus der „Tiefe des ländlichen Raumes“ - kommen die Aufsätze von Christoph Ruf, die gut geschrieben die Fußballprovinz unterhalb der 1. und 2. Liga entdecken. Selbstverständlich kommt dieses lesenswertes Buch, das wunderschöne Skurillitäten, wie z.B. das Fanmuseum von Bayreuth in Szene setzt, nicht ohne den Dorfklub TSG Hoffenheim aus, der die fußballerische Urbanität der 1. Bundesliga in Angst und Schrecken versetzt, aber durch Sponsor Dietmar Hopp Singularität besitzt und doch den selten erfüllbaren Traum der Provinz, in höchste Sphären vorzustoßen, erfüllte. Erfolgreiche Provinzvereine haben ihren Erfolg vor allem durch lokale Sponsoren, bei längerfristigem Erfolg aus dem soliden Mittelstand, bei kurzfristigen Erfolgen aus irgendwann in Konkurs gehenden, die eigene Zahlungsbilanz weit überschätzenden Betriebsleitern. Die Einführung der dritten Liga ist eine eindeutige Zäsur für Vereine aus dem ländlichen Raum, denn den Anforderungen an die Zuschauerkapazität eines mindestens 5000 Personen genügenden Stadions mit mindestens 500 Sitzplätzen sowie einer Überdachung, entsprechen die Fußballplätze im ländlichen Raum kaum, beziehungsweise gar nicht. Vereine, wie z.B. der SC Pfullendorf, der durch Sponsorenengagement in den letzten 10 Jahren fast immer der dritthöchsten deutschen Spielklasse angehörte, oder der SC Bahlingen, werden auf Dauer von dieser ausgeschlossen bleiben. Die ländlichen Fußballspitzenvereine sprechen deutlich aus, dass sie mit dieser Strukturveränderung bewusst von den städtischen Großvereinen ausgegrenzt wurden, da diese nie gerne bei den ländlichen Vereinen gekickt haben.

Ländliches ehrenamtliches Engagement bleibt gegenüber gefordertem Zwang zur Professionalität auf der Strecke, verlässliche ländliche Finanzwirtschaft verliert gegen die Tendenz, mehr Geld auszugeben, als vorhanden ist. Fans im ländlichen Raum randalieren selten oder gar nicht, was geforderte Trennungen der Fans in umzäunte Blöcke nicht notwendig macht. Wenn städtische Großvereine, wie z.B. der SV Waldhof oder der SSV Ulm in der Provinz auftauchen, weil sie - durch entsprechende Misswirtschaft gezwungen sind - unterklassig zu spielen, erreichten die ländlichen Vereine bisher auch mit einfachen provisorischen Maßnahmen und verstärktem Polizeieinsatz die als gewaltbereit bezeichneten Fans der Großstädtergruppen bei ihrem Ausflug aufs Land zu befrieden. Allerdings versucht die NPD im fußballerischen Osten Deutschlands auch in den unteren Ligen die deutschnational dominierte „non-multikulturelle No-Go-Areas“ zu schaffen, die Fangruppen zu infiltrieren, Gewalt gegenüber den nicht in das rechte Muster Passenden auszuüben. Krisenhafte ländliche Regionen sind gegenüber neofaschistischen Tendenzen nicht immer aufmerksam genug gewesen, vielfach verharmlosende Sportvereinsfunktionäre und Lokalpolitiker, zeigten sich hilflos oder reagierten zu spät bei offen erkennbar rechtsradikalen Aktivitäten.

Das Buch ist eine sehr lesenswerte Sozialreportage aus der im Medienschatten liegenden und nur bei den oft zähen DFB-Pokalfights schlagzeilenproduzierenden „flussballerischen Provinz“ (angesiedelt von der 3. Liga abwärts und der Oberliga aufwärts) und gehört daher unbedingt in unsere BestenListe.

 

Platz 8

Octavia Winkler: Vom Leben auf dem Lande. Geschichten aus der Uckermark. Aschenbeck Verlag, Bremen 2008. (ISBN 978-3-939401-30-8)

Es war der Pfingstsonnabend des Jahres 1984 als die frisch-geschiedene Lektorin eines Kunstverlages aus Ostberlin sich mit ihrer achtjährigen Tochter in einem klapprigen, papyrusweißen Trabi in Richtung eines Bauernhofes in der Uckermark in Bewegung setzte, in der Hoffnung, dort den „Frieden auf dem Land“ zu finden, den sie zur „inneren Heilung“ brauchte. Zielpunkt der Stadtflucht war der „Landsitz“ der Malerin Annabella, die sie von ihrem Berliner Erstwohnsitz im Prenzlauer Berg her kannte. Sie wohnte dort mit dem „Quartalssäufer“ Divo zusammen, der durch seine Exzesse im Laufe der Erzählung immer wieder für negatives Höhepunkte (eine Schlägerei auf dem Dorftanz, die Tyrannisierung seiner Mitbewohner, bis zum Mord aus Affekt) sorgen wird. Auf diesem ehemaligen Bauernhaus traf sich ein Ausschnitt jener traumtänzerischen DDR-Künstlerszene, die sich in der weiten Landschaft der Uckermark eingenistet hatte. Theaterleute, Schauspieler und Regisseure, Maler und Schriftsteller. Die meisten von ihnen pendelten zwischen den Welten, gingen in Berlin ihren Geschäften nach und träumten in der lauten Stadt von ihren stillen, alten Häusern, in die sie oft wie möglich flüchteten. Diejenigen, denen ihre Profession es erlaubte, blieben auch längere Zeit als nur die sommerlichen Wochenenden, und einige siedelten schließlich ganz über und wandelten sich allmählich zu Landleuten, die ihre kleine Wirtschaft betrieben, Gemüse anbauten und Hühner und Schweine hielten. Zu den Letzteren gehörten alle die Personen, die für die Ich-Erzählerin zu Kontaktpersonen zum sesshaften Landleben wurden. Zu ihrem Hauptanlaufpunkt wird der selbständige Keramiker und Gaststättenbetreiber Robert, abgebrochener Philosophiestudent und trotz verordnetem Betriebseinsatz nicht mehr läuterbarer Anhänger einer „elitären Geistesaristokratie“. Er war dauernd am experimentieren, baute Flugdrachen und war auch ständig-verliebt in einem schwebenden Zustand. Als aber auf dem Dorftanz in den Mai die nicht mehr im Schottenhemd und Jeans, mit Schiebermütze und Gummistiefeln lachend über den Acker stapfende, sondern im schönen Kleid, mit offenem Haar und leichten Schuhen daherschwebende, verwitwete Agnes im Kultursaal der LPG „Befreites Land“ auf ihn traf, wurde er liebesschwer und bindungsernst, auch wenn die neue Erdung in einer Beziehung letztlich scheiterte. Zum illustren Freundeskreis gehörte auch „Prinz Knöbitz“, der trotz einiger Erfolge mit Romanen und Theaterstücken, seine eigentliche Profession in der Schweinezucht und im Wurstmachen entdeckt hatte, und alle Anwesenden beim reihum-veranstalteten, gemeinsamen Mahl schockte als er ein Weckglas mit Leberwurst auf den Tisch knallte und rief. „Das ist Susi.“ Und auch der fernwehkranke Pfarrer auf Absprung, der nur noch auf die Bewilligung seines Ausreiseantrages wartete, war Teil dieser landverschlagenen Aussteigergemeinschaft.

Aber in der Erzählung gibt es auch handfeste Uckermärker, wie z.B. die aus einer alteingesessenen Bauernfamilie stammende „Bäuerin Gabriel“, die den Tod ihres Ehemannes nie verkraftete und ihren 14-jährigen Sohn zum Ersatzpartner machte, ihn bekluckte, mästete und beziehungsunfähig machte. Oder die „Mutter Pflock“, die „Königin des Dorfkonsums“, die die kleine Hütte, mit Wänden aus Gipskartonplatten auf einem Betonsockel, wie „ihr Reich“ mit starker Hand regierte und selbst als das Papphäuschen nach dem Tipp des Bürgermeisters in einer Kollision mit einem LPG-Traktor in die Knie gegangen war, den Dorftreff kurzerhand in ihre private Wohnstube verlegte. In diesem neukapitalistischen Shop gab es dann die wende-nachgefragten „Waren des täglichen Bedarf“: Pfeffi-Likör, Gold-Krone-Weinbrand und Kisten mit Bierbüchsen. Oder die vielen „asozialen Milieus“ der Kinderreichen, der Hilf-Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft, die im Dorfwerktag immer im Blaumann herumliefen.

Als 1990 die Wende kam, die mit den eindringlichen Worten beschieben wird: „jetzt saß niemand mehr vor dem Haus, es gab keine Dorffeste mehr, es war als seien die Menschen betäubt und gelähmt und hätten sich verkrochen hinter ihren neuen Raffgardinen aus dem Supermarkt“, war die eigentliche Landruhe vorbei, war diese alte Welt untergegangen oder hatte schwere Schlagseite bekommen, war das alte Misstrauen gegenüber den immer misstrauisch-beäugten Berliner Nachbarn einen allgemeinen großen Misstrauen jeder gegen jeden gewichen. Obwohl die Erzählung noch bis in die Mitte der 1990er Jahre hineinreicht, gewinnt sie ihre eigentliche sprachliche und bildliche Intensität aus den Schilderungen vor 1989.

Das Buch gibt Einblick in das Landleben der DDR-Endzeit und schildert sehr anschaulich sowohl Lebensausschnitte aus den ländlichen Dorfmilieus, als auch Alltagsbilder aus der stadtflüchtigen Aussteigerszene. Es ist aber gleichzeitig auch eine ästhetische Beschreibung einer „Weltgegend“ leuchtend gelber Rapsfelder, dunkel-grüner Alleentunnel und funkelnder Seenspiegel. In dieser Schilderung verbinden sich Soziallandschaften mit Kulturlandschaften zu einer Einheit im Widerspruch. Das Buch bannt diesen Augenblick als illustres Zeitdokument und nimmt ihm mit seinem stetigen Augenzwinkern die Schwere des Abschieds. Diese tiefgründige, humoristische Lebensironie und die erfrischende Leichtigkeit der Erzählweise hat uns bewogen, das Buch in unsere BestenListe aufzunehmen und weiter zu empfehlen.

 

Platz 9

Gunter Becker: Thematischer Tourismus: Angewandt auf die Dümmerregion. Ein Konzept für touristische Entwicklung ländlicher Räume. dissertation.de - Verlag im Internet, Berlin 2005. (ISBN 3-86624-033-3)

Der heutige Tourismuskunde verlangt in seinem Erlebnishunger nach dem Originellen und Besonderen eine thematische Aufbereitung einer besuchten Landschaft, die seinem Bedürfnis nach thematischer Entdeckung entgegenkommt. Eine „Allerorts-Infrastruktur“ mit Kulturdenkmälern, Wanderwegen und Freizeiteinrichtungen reicht als Attraktionsfaktor nicht mehr aus. Auch die seit den 1980er Jahren gestarteten Versuche „thematischer Inszenierungen“ (Festivals, Ausstellungszyklen, Ferienkampagnen) reichen als inzwischen weit verbreitetes Standortangebot nicht mehr aus, das Besondere einer Region touristisch zu präsentieren und zu vermarkten. Wie ein Konzept einer solchen „thematischen In-Wert-Setzung einer Landschaft“ methodisch umgesetzt werden kann, macht dieses Buch am Fallbeispiel der Dümmerregion deutlich: Am Anfang steht eine gründliche Analyse der Natur- und Kulturlandschaft eines geographischen Raumes. Als nächster Schritt folgt die Interpretation und Determination des Erforschten, um auf dessen Grundlage zielgruppen- und themengerechte thematische Angebotssegmente zu erarbeiten. Diese werden zum Schluß mit einer erlebnisversprechenden Sprache kommuniziert und vermarktet.

Der „thematische Tourismus“ versucht den Respekt vor der Kulturlandschaft, mit einer Qualitätssteigerung der touristischen Angebote und einem regionalwirtschaftlichem Erfolg in Gleichklang zu bringen. Vor allem in ländlichen Räumen könnte dieser Ansatz dazu beitragen, den Binnentourismus „thematisch anzureichern“ und wieder attraktiver zu machen. Wie das praktisch geht, zeigt dieses Buch sehr anschaulich, das damit zu einem Vorreiter in der ländlichen Tourismusdebatte gehört und dafür zu einem Kandidaten unserer BestenListe erkoren wurde.

 

Platz 10

Barbara Malburg-Graf (Hrsg.): Flächenmanagement als Instrument der integrativen Planung für ländliche Räume und der kommunalen Innenentwicklung. Beiträge des 2. Hochschultages 2007 „Strukturentwicklung ländlicher Raum in Baden-Württemberg“. Stuttgarter Geographische Studien, Band 140. Institut für Geographie der Universität Stuttgart, Stuttgart 2007 (ISBN 3-88028-140-8)

Direktbezug: Institut für Geographie der Universität Stuttgart, Azenbergstraße 12, D-70174 Stuttgart

Lange war es der Stolz jeder Gemeinde für die jungen Familien vor Ort und für die Anwerbung von Neubürgern genügend Neubauflächen am attraktiven Ortsrand zur Verfügung zu stellen. Manche Gemeinde gar fabrizierte sich auf diese Form der „Bürgeransiedlung“, um die fehlende „Industrieansiedlung“ zu kompensieren. Diese Strategie stößt zunehmend an ihre Grenzen, auch wenn sie als Trend noch nicht gebrochen ist. Zum einen an die Grenzen schrumpfender Einwohnerzahlen in einzelnen Regionen, zum anderen an die Verteuerung des Neubauens durch sinkende Realeinkommen und Streichung entsprechender Subventionen (z.B. der „Eigenheim-Zulage“). Aber auch strukturpolitisch zeigen sind neue Grenzen: Steigender Leerstand in der Dorfmitte, Überalterung der Dorfbevölkerung und infrastrukturelle Ausdünnung der Gemeinden, die ein Neubauen am Ortsrand nur noch mit „eingebauter“ Regionalorientierung und mehrfacher Automobilität sinnvoll machen.

Zur Gesamtthematik, die vom schleichenden Substanzverlust der Dörfer und der dadurch drohenden Verödung des alten Dorfzentrums bestimmt wird, veranstaltete die Universität Stuttgart im Geographischen Institut 2007 einen Fachkongress, bei dem ausgehend von der prognostizierten Entwicklungsperspektive der ländlichen Räume die veränderten strukturpolitischen Rahmenbedingungen und der sich daraus ergebende Handlungs- und Planungsbedarf diskutiert wurde. Im Zentrum der Erörterung stand der „Aspekt des Flächenverbrauches“, beginnend mit einer Analyse der Folgekosten eines „Bauens auf der grünen Wiese“, über eine Wirtschaftlichkeitsabschätzung von neuen Wohngebietsausweitungen, bis hin zu den möglichen Gegenstrategien, wie z.B. die Förderung der dörflichen Innenentwicklung und die Steuerung des Flächenverbrauchs durch gezieltes Siedlungsmanagement und kommunalen Flächenschutz.

Das Buch bietet durch die aufeinander bezogenen Beiträge einen guten Überblick über die Notwendigkeit zu einem akuten Flächenmanagement und gibt einen guten Themenaufriss der an die Forschung und die Umsetzungspraxis zu stellenden Fragen. Durch die vertretenen bundesweiten Referenten wurde das Tagungsthema „länderübergreifend“ diskutiert, so dass die in dieser Dokumentation vertretenen Beiträge auch über die Landesgrenzen von Baden-Württemberg hinaus von Bedeutung sind.

Das Buch bietet eine gute Einführung in die Gesamtthematik und hat sich dadurch für die Aufnahme in unsere BestenListe empfohlen.

 

 

Die BESTENLISTE - Nr. I/2008

(Frühjahr 2008)

Platz 1

Max Böhm: Stärker als 10 Pferde. Die Motorisierung der Landwirtschaft bis 1950. Die Entwicklung in Bayern und im Raum Ingoldstadt. Dokumentation zur Zeitgeschichte, Band 5. Stadtarchiv, Wissenschaftliche Stadtbibliothek, Stadtmuseum. Ingolstadt 2002. (ISBN 3-932-113-36-5)

Direktbezug: Stadtmuseum Ingoldstadt, Dr. Max Böhm, Auf der Schanz 45, D-85049 Ingoldstadt.

Im Begriff der Landwirtschaft steckt eine bodenschwere Assoziation: Die Bewirtschaftung von schwerem Land, das körperlich-harte „Schaffen“, das Plagen mit Körperkraft. Erste kleine Emanzipationsschritte weg von dieser Plackerei war die „naturale Mechanisierung“ mittels Handkurbel, Wasserkraft und mit Hilfe der Zugkraft der Tiere. Den ersten wirklichen Fortschrittssprung brachte aber erst die Dampfkraft in Form von Pflug-Lokomobilen in der Großflächenlandwirtschaft und in Form der Dampflokomobile auf den Bauernhöfen. Sie waren per Transmission die Antriebswelle vor allen für Dreschmaschinen. Die Wuchtigkeit der landwirtschaftlichen „Dampfrösser“ erforderte Großstrukturen (z.B. Landgüter) oder die Mehrfachnutzung (in Form von Lohn- und Gemeinschaftsdrusch). Sie waren also nicht der technische Durchbruch für die kleinstrukturierte Landwirtschaft. Erst die Motoren (vorrangig die Benzin- und Elektromotoren) leiteten die eigentliche technische Revolution in der Kleinlandwirtschaft ein. Öl und Strom wurden die neuen Energiequellen und begründeten neue Netz-Strukturen (das elektrische Versorgungsnetz und das Tankstellen-Netz) und schufen neue Berufe (Elektriker und Mechaniker) auf dem Land. Der Elektromotor wurde die erste externe Kraftquelle der Kleinlandwirtschaft und war in seinen Anfängen quasi der erste – wenn auch stationäre – „Traktor“ auf den Kleinbauernhöfen. Er war per Transmission die Antriebswelle von allen Arbeitsmaschinen, Pumpen und Haushaltsmaschinen, und erleichterte auch als „Dreschmotoren-Wagen“ aufgrund seiner Leichtigkeit und der (gegenüber den „Dreschlokomobil-Ungeheuern“) geringeren Größe das mobile Dreschen.

Die technische Revolution auf den Feldern leitete der Diesel-Traktor ein. Anfangs als die neue Kraft auf den großen Gütern und den Äckern der Großbauern. Seit den 1950er Jahren als Massenprodukt auf den meisten Höfen und als Inbegriff der „motorisierten Landwirtschaft“ schlechthin. Anfangs noch in Ergänzung zum Kuh- oder Pferdegespann, später als deren uneingeschränkter Nachfolger, als der neue „Schlepper“ in der Landwirtschaft.

Die 100jährige Technikgeschichte der Landwirtschaft (von 1850 bis 1950) zeichnet das Buch bildreich, sehr gut gegliedert und sprachlich fundiert auf dem Hintergrund der Entwicklung in Bayern und insbesondere des Ingolstädter Raumes nach. Aber nicht nur durch die in ganz Deutschland produzierten und dann in diesem Raum zum Einsatz kommenden Maschinen ist die geographisch-eingegrenzte Entwicklungsgeschichte verallgemeinerbar zu einer gelungenen Monographie landwirtschaftlicher Technikgeschichte, die auch heute so wichtige Fragen, wie die Frage nach der sich verschlechternden Öko-Bilanz - resultierend aus der zunehmenden externen Energienutzung - nicht ausspart.

Das Buch ist für alle, die sich für die „Technikgeschichte auf dem Lande“ interessieren, sehr empfehlenswert, da es hervorragend versteht, die Bedeutung dieser Epoche sehr detailreich herauszuarbeiten. Die Dichte des verwendeten Bildmaterials macht es zu einem einmaligen Zeitzeugnis dieser „agrarischen Motorisierung“. Daher gehört dieses Buch für uns zurecht auf dem ersten Platz unserer BestenListe.

 

Platz 2

Gunter Mahlerwein: Aufbruch im Dorf. Strukturwandel im ländlichen Raum Baden-Württembergs nach 1950. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart / Weimar 2007. (ISBN 978-3-476-02234-9)

In der Rückschau auf den Wandel des Landlebens im 20. Jahrhundert wird immer deutlicher: Der eigentliche historischen Zeitenbruch liegt im Übergang vom alten Agrar-Dorf hin zur modernisierten Landgemeinde und lässt sich – von einigen lokalen Ungleichzeitigkeiten abgesehen - auf die Wendezeit der 1950er Jahre datieren. Hier fand nicht nur der Sprung des Dorfes in die Moderne statt, sondern auch die sozial-historische Eingliederung des Dorfes in die bürgerlich-pluralistische Gesellschaft, also das Ende des agrar-kulturellen Ständedorfes, mit seinen festen Normen, seinen direkten Abhängigkeiten und seinem örtlichen Eingesperrtsein. Je nach Blickwinkel der einzelnen Dorfgruppen wird diese Epoche als Umbruch, Aufbruch oder als Niedergang interpretiert. Der stolze Bauer musste das zu hoch gewordene Roß im landwirtschaftlichen Niedergang verlassen und gesellschaftlich absteigen. Der einstige Bittsteller-Flüchtling hatte eine gute Anstellung in der nahe gelegenen Fabrik gefunden und war zum Neubau-Besitzer im Dorf aufgestiegen. Das bisher agrarisch-ausgerichtete Dorfhandwerk der Schmiede, Wagner und Küfer wurde durch das neue Berufsbild des „motorisierten Dorfes“ der Schlosser, Automechaniker und Landmaschinenmechaniker ersetzt. Die Freisetzung der Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft wurde durch die breite Industrieansiedlung auf dem Lande problemlos kompensiert. Und viele Dörfer bekamen den ersten Nachkriegs-Siedlungsring eines nie mehr endenden Neubauviertels.

Unterschützt mit vielen Fotos (von Dorflehrern, Profi-Fotographen und aus öffentlichen, institutionellen und privaten Bildarchiven) der 1950er und 1960er Jahre zeichnet das Buch den einschneidenden Wandel in dieser Zeit nach. Die Zeitbilder dokumentieren die schwere Handarbeit der Landwirtschaft, aber auch eine gewisse Ruhe bei den Arbeitsabläufen. Sie zeigen immer Gruppen von Menschen bei der Arbeit oder im Dorf versammelt, keine Einzelarbeiter. Und sie überdecken mit ihrer fototechnisch bedingten Farbigkeit auch das viele Grau der 50er Jahre Dörfer.

Das Buch durchläuft auf mehreren Ebenen den stattfindenden Strukturwandel vom Dorfhandwerk zum Dienstleister, vom Bauerndorf zur Dorfgemeinde, vom Nachbarn zum Mitbürger. Ein wesentlicher Teil der Darstellung widmet sich dem inneren sozialen Wandel in den Dörfern: Dem sich allmählich einstellenden Sozialfrieden zwischen Einheimischen und Flüchtlingen, zwischen den unterschiedlichen Konfessionen, zwischen den alten Milieuvereinen vor Ort. Es benennt aber auch die Brüche zum alten Dorfleben, die Lockerung der Familienbande, die Rebellion der Jugend in den 1970er Jahren, die neuen Bedürfnisse der Frauen auf dem Land. Und es markiert den großen Bruch in der Kommunalpolitik, der mit der Gebietsreform der 1970er und der damit verbundenen administrativen Auflösung des Dorfes begann und bis heute in der Kommunalpolitik (als entpersönlichte Parteien- und Listenwahl, als steigendes Anspruchsdenken, als zunehmendes Desinteresse an Kommunalpolitik) seine Spuren hinterlassen hat.

Trotz vieler in diesem Buch dargestellten Indizien für eine „Verlustgeschichte“ des Dorfes bleibt der Autor fest auf dem Kurs seines Buchtitels: „Aufbruch im Dorf“ und belegt dies mit der gegen zurechnenden „Gewinnbilanz“ der heutigen Dörfer, ihrer neuen Vielfalt in den Berufen und Lebensstilen der Bewohner, ihrer gewonnenen neuen Offenheit gegenüber der Region und Fremden, ihrer gelungenen wirtschaftlichen Diversifikation außerhalb von Landwirtschaft und Landhandwerk.

Der sehr anschaulich geschriebene Text, unterstützt mit den vielen professionell fotografierten Fotos, macht das Buch zu einer erstklassigen Sprach- und Bilder-Dokumentation des „Strukturwandels auf dem Lande von 1950 bis heute“. Etwas irritierend sind leider die immer wieder Kapitel weise vorgenommen – aber vielleicht auch durch die vergleichende Gegenüberstellung notwendigen – Vor- und Rückblenden, die mit der geballten Macht der Bilder, für eine gewisse Unruhe beim Lesen sorgen. Dieser Einwand tut dem sehr positiven Gesamteindruck des Buches aber keinen Abbruch: Es ist ein rundum gelungenes Werk und daher zurecht in unserer BestenListe auf Platz 2.

 

Platz 3

Klaus Gasseleder: Zwischen Kuhschnappel und der Thebaischen Wüste. Neue Blicke auf die Literatur in Franken. Vetter Verlag, Geldersheim 2007. (ISBN 978-3-9807244-7-0)

Direktbezug: Klaus Gasseleder, Sperlingstraße 1, D-91056 Erlangen

Der wichtige Sammelband von Klaus Gasseleder, der einige seiner Rundfunkbeiträge, Artikel für Zeitschriften, diverse Vorträge und extra für diese Veröffentlichung geschriebene Arbeiten zusammenfasst, ist mehr als ein kritischer Blick auf die Literatur in Franken. Es sind vielfältige Blicke auf Franken, auf das Literatenleben in Franken, auf die Dörfer, die Kleinstädte und die Lebenswelten in fränkischen Landen. Der Autor verweigert sich jeglicher Lobhudelei auf Franken, auf den, oder die Franken. Franken wird als ein künstlich erzeugtes Konstrukt entlarvt, und als solches dekonstruiert. Gasseleder ist allerdings auch bei Leibe kein Frankenverachter, sondern es tritt bei ihm die paradoxe Situation des wissenden Frankenkenners auf, der sich nicht in einer Heimat voller (falscher) Freunde ersticken lässt, sondern immer wieder distanziert gegen das „fränkische Sujet“ anschreibt, es bearbeitet, in seinen Widersprüchen offen legt und damit mehr für Franken, für die Literatur in Franken erreicht, als jeder das Fränkische Hochleben-Lassende.

Was ist Franken, was macht Franken zu Franken, was macht den Franken zum Franken?  Fragen, die Gasseleder tief einschneidend angeht. Er löckt gern den Stachel gegen eingeschliffene Frankenbilder, festgefahrene Selbstbilder und immer wieder wiederholte Allgemeinplätze des Fränkischen (an sich). Es gibt zwar die vielfachen fränkischen Dialekte, aber was und wo ist Franken?  Ist es etwa nur die durch die bayerische Obrigkeit definierte Verdrittelung in Ober-, Mittel- und Unterfranken?  Da bleiben die Franken außerhalb Bayerns außen vor! Was ist das Gemeinsame von Wein- und Bierfranken? Nicht einmal die Bratwurst? Aus der Vielfalt der fränkischen Landschaften, der naturbürtigen Ausstattungen und der landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsweisen, ergibt sich nicht die fränkische Identität. Gibt es tatsächlich eine „fränkische Literatur“ oder ist es eher eine „Literatur in Franken“? Gasseleder wendet sich gegen eine oberflächliche fränkische Identität, gegen eine spezifische fränkische Literaturgattung. Und wirklich leicht hatten es die Literaten in Franken nicht, wie Gasseleder am Beispiel des 1853 in Bad Kissingen geborenen Oskar Panizza offen legt, der mit dem bayerischen Staat und dem Kaiserreich scharf ins literarische Gericht ging, den altgläubigen Katholizismus immer wieder engagiert angriff, was ihm wiederholt die staatliche Verfolgung und die Einweisung in die Psychiatrie einbrachte.

Dass das Lebenssystem der fränkischen Kleinstadt nicht ausstirbt, untersucht Gasseleder in seinen fränkischen Kleinstadtnotizen. Er bescheinigt den Kleinstädten eine erstaunliche Flexibilität „Neues aufzunehmen und dem Alten einzuverleiben“. „Längst stimmen die so liebgewordenen Zuordnungen von Stadt und Land, Metropole und Peripherie nicht mehr, sondern es ist ein vielfaches Nebeneinander verschiedener Lebensstile entstanden, wobei das äußere Erscheinungsbild der kleinen Stadt, ihre Größe, ihr Alter, ihre soziale Struktur, ja auch ihre regionale Zugehörigkeit eine immer geringere Rolle spielt.“ Eine zentrale Position in diesem Aufsatz nimmt das Vor-Bild aller Kleinstädte, Rothenburg ob der Tauber, ein, deren Entdeckung Gasseleder zitatenreich dokumentiert. Die heutige Kleinstadt positioniert er zwischen „Provinz“ und „globalem Dorf“. Sollte nicht auch von der „globalen Kleinstadt“ gesprochen werden? - fragt Gasseleder. Einen zweiten wichtigen Aspekt der literarischen Betrachtung der fränkischen Kleinstädten wirft Gasseleder noch auf: „Nahezu alle Kleinstadt-Geschichten Frankens spielen, wenn nicht im 19. Jahrhundert, dann zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg und den ersten Jahren danach.“ Eine Vernachlässigung, die angesichts des vollzogenen Wandels der Kleinstädte nach 1945 kaum verständlich ist.

Diesen Band nimmt man immer wieder gerne in die Hand, denn dank seines Sammelbandcharakters lässt sich in ihm gut blättern und selektiv lesen, und immer wieder neu zur Lektüre ansetzen. Er gehört nicht nur für Franken zum Besten, was aktuell erschienen ist, sondern auch für uns absolut in unsere BestenListe.

 

Platz 4

Verein Regionalmanagement Österreich (Hrsg.): Regionen sind auch nur Menschen. 25 Erfahrungen auf dem Weg der österreichischen Regionalentwicklung. Verein Regionalmanagement Österreich, Öhling 2008. (ISBN 978-3-200-01096-3)

Direktbezug: Verein Regionalmanagement Österreich, Haus Mostviertel, Mostviertelplatz 1, A-3362 Öhling

Den Akteuren der Österreichischen Regionalentwicklung ist gelungen, was z.B. für die deutschen Pioniere der Regionalentwicklung bisher nicht möglich war: nach über 25 Jahren 25 Personen, die aktiv an der Gründung der eigenständigen Regionalentwicklung beteiligt waren und teilweise heute noch in der Regionalberatung aktiv sind, zu interviewen und damit eine „Ahnengalerie“ dieser „Raumpioniere“ (Robert Jungk) zu erstellen. Bei dieser Spurensuche wurde deutlich, dass in der Geschichte der Regionalentwicklung oft dezentrale Orte von zentraler Bedeutung sind und häufig Orte in abgelegenen Seitentälern mit ihren visionär-denkenden Bauern die Meilensteine der Regionalentwicklung gesetzt haben. Die Peripherie entpuppte sich als Vordenker-Provinz, die benachteiligten Gebiete nutzten gerade diese vermeintliche Sackgasse zur Entwicklung neuer Wege. Das in den 1980er Jahren geschmiedete strategische Bündnis von „ganz oben“ (Bundeskanzleramt) und „ganz unten“ (regionale Projektebene) war die Geburtsstunde der Regionalentwicklung in Österreich und hat in seinem Lernprozess viele neue, stolze und (prozess-)gebildete Persönlichkeiten hervorgebracht. Dieser besondere Geist der Regionalentwicklungs-Akteure spiegelt sich in allen 25 Biographie-Reportagen wieder und schlägt sich selbst in den Überschriften der einzelnen Kapitel nieder. In ihnen ist z.B. von der „Energie der Peripherie“, „vom Zwischenraum als Chance“, von der „Regionalentwicklung als sozialer Bewegung“ die Rede – alles Begriffe, die den besonderen „mentalen Schub“ illustrieren, der von dieser faszinierenden Idee ausging.

Diese personenbezogene Geschichtsdarstellung zeigt sehr anschaulich, wie breit das Thema Regionalentwicklung ist und wie viele Wege – und häufig auch nur kleine Pfade – sie eingeschlagen hat. Während die Theoriebildung der Regionalentwicklung häufig noch krampfhaft zwischen Bottom-up („Regionalentwicklung von unten“) und Top-down („Regionalentwicklung von oben“) -Ansätzen zu unterscheiden versucht, zeigen die „Regionalentwicklungs-Geschichten“ der Akteure einen bunten Flickenteppich unterschiedlichster Ansätze, eine Vermischung von eigenständiger Regionalentwicklung und staatlicher Regionalpolitik, eine pragmatische Abmischung persönlicher Strategien und standortbezogener Lösungsansätze. Diese regionale Vielfalt und Tiefe, die breite Schar aufgeweckter Akteure in allen Regionen, dieses gelungene „Menschenförderprogramm“, wäre ohne die breite Umsetzung der Idee der Regionalentwicklung in den letzten 25 Jahren nicht entstanden.

Mit diesem Buch wird es wieder lebendig und genauso lebendig dokumentiert, auch wenn einige wichtige Akteure (wie z.B. die Fraktion der „kulturellen Regionalentwickler“) der österreichischen Regionalentwicklungsszene in ihm leider fehlen und damit leider auch die stattgefundenen Kontroversen, Brüche und Abspaltungen dieser Jahre nicht realitätsgetreu mitgeschildert werden. Trotzdem ist dies eine sehr empfehlenswerte Geschichtsdokumentation und bei uns zurecht auf Platz 4 unser BestenListe.

 

Platz 5

Martin Heintel: Regionalmanagement in Österreich. Professionalisierung und Lernorientierung. Abhandlungen zur Geographie und Regionalforschung, Band 8. Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien, Wien 2005. (ISBN 3-900830-56-8)

Nicht nur für Österreich gilt: Regionalentwicklung ist gegenwärtig eine weitgehend konsensfähige Maßnahme zur Bearbeitung regionaler Arbeitsfelder in Wirtschaft, Politik und in verschiedenen kulturspezifischen Themenfeldern. Die Regionalentwicklung hat sich wegentwickelt vor ihren alten Zielen eines punktuellen Krisenmanagements und einer staatlichen Interventionspolitik, hin zu einem sektorenübergreifenden Management regionaler Partizipation und Kooperation. Dieser Prozess hat einerseits zu einer breiten Konsensorientierung, politischen Entideologisierung und teilweisen Enthierarchisierung geführt, anderseits zu einer neuen Praxisausrichtung der räumlichen Planung, weg von der Erstellung von Planungsrastern und Zielvorgaben, hin in den operationalisierbaren Bereich der Leitbildentwicklung, konkreter Handlungsempfehlungen und fortlaufender Evaluierung, beigetragen. Oder anders ausgedrückt: Die Regionalentwicklung wurde in den letzten Jahren noch regionaler, praxisorientierter und kooperationsausgerichteter. Der aktuelle Trend geht in Richtung eines „Regional-governance“, in Richtung der Entwicklung neuer Steuerungsformen auf der regionalen Ebene. Einher mit diesem Prozess ging eine zunehmende Institutionalisierung und Verberuflichung der regionalen Akteure, d.h. die Etablierung eines neuen Berufbildes, nämlich das des „professionalisierten Regionalmanagers“.

Das Buch von Martin Heintel zeichnet diesen Weg von der Neudefinition der Region im „Regional-governance“ zur Herausbildung des Berufsfeldes des „Regionalmanagements“ historisch und begrifflich nach, untersucht detailliert, welche Lernorientierungen an dieses neue Berufsfeld gestellt werden und untersucht an Fallbeispielen aus der regionalen Praxis, welche Qualifikationen von dieser Anwendungsseite aus verlangt werden. Über diesen Ansatz einer „Mehrebenenanalyse“ wird versucht, das Berufsprofil und damit auch das Qualifikations-Curriculum des Regionalmanager-Berufs zu umreißen und zu einem Qualifizierungsmodell für ein „Regionales Entwicklungsmanagement“ auszuformulieren.

Die besondere Leistung dieses Buches besteht nicht nur darin, diese Schritte in einer breiten Diskussion aller regional-relevanten Faktoren (z.B.: „Was ist eine Region ?“ – „Was ist ein Regionalmanagement ?“ – „Was sind die Grundlagen einer lernorientierten Regionalentwicklung ?“) kenntnisreich und gekonnt nachzuvollziehen, sondern auch die aktuellen Realitäten des Regionaldiskurses (z.B. die Entstehung neuer Konkurrenzen zwischen den ländlichen Regionen, die Verschärfung des Regionenwettbewerbes untereinander trotz breiter Kooperation, die anhaltenden staatlichen Versuche, sich aus der regionalen Verantwortung zurückzuziehen) nicht aus dem Auge zu verlieren.

Ein wirklich kompetentes und lesenswertes Buch zur fachlichen Definition des neuen Berufsfeldes „Regionalmanagement“, das in den Bücherschrank jeden Regionalentwicklers gehört und daher in unserer BestenListe zurecht den Platz 5 belegt.

 

Platz 6

Josef Mugler / Matthias Fink / Stephan Loidl: Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen im ländlichen Raum. Gestaltung günstiger Rahmenbedingungen für Klein- und Mittelbetriebe. Manzsche Verlags- und Universitätsbuchhandlung, Wien 2006. (ISBN 978-3-214-14496-8)

Die kleinen und mittleren Betriebe sind (nicht nur in Österreich, woher diese Studie stammt) der wichtigste Träger der Wirtschaft im ländlichen Raum. Trotzdem liegen sie im Forschungsschatten wissenschaftlichen Interesses, d.h. mit der Frage, wie man die Ansiedlung und den Erhalt von Klein- und Mittelbetrieben im ländlichen Raum unterstützen kann, werden die lokalen Entscheider vor Ort meist alleine gelassen. Welche Faktoren bestimmen nun tatsächlich, ob die lokale Wirtschaft auf Gemeindeebene floriert oder schrumpft ? Wie ist zu erklären, dass sich Gemeinden trotz objektiv gleicher Voraussetzungen in der realen Wirtschaftslage ganz unterschiedlich entwickeln ? Die Studie kommt zum Ergebnis, dass ein komplexes Ursachengefüge dafür ausschlaggebend ist und keine lineare Kausalitätsketten dafür ausmachbar sind. Auch sind es nicht immer nur lokale Konstellationen, die die Entwicklung vor Ort bestimmen, sondern oft Wirkungsketten in den ländlichen Kleinräumen, oder gar überregionale Entscheidungsfaktoren.

In qualitativen Interviews wurden Bürgermeister und Gemeindevertreter aus ganz Österreich befragt. Die daraus gewonnenen Ergebnisse wurden zu 18 „Gemeindeportraits“ zusammengefasst, die wiederum - nach jeweils zwei, durch ein gemeinsames dominantes Merkmal, wie z.B. durch das Vorhandensein eines Leitbetriebes oder eines Hauptproduktes oder durch die Lage in der Nähe eines Ballungsraumes, definiert - zu Vergleichspaaren gegenübergestellt wurden. Aus diesen „Gemeindeportraits“ heraus wurden 18 unterscheidbare „Gemeinde-Typen“ identifiziert: Die dynamische Gemeinde, die traumatisierte Gemeinde, die gemeinschaftsorientierte Gemeinde, die vernetzte Weinbaugemeinde, die bemühte Nachzüglergemeinde, die Zwei-Klassen-Gemeinde, die zerstrittene Eigenbrötlergemeinde, die auferstandene Chancennutzergemeinde, die ideenreiche Ermöglichergemeinde, die unbeholfene Ressourcengemeinde, die kunstbeflissene Unternehmergemeinde, die selbstbezogene Traditionsgemeinde, die managergetriebene Pioniergemeinde, die schuldenbelastete Optimistengemeinde, die ziellose Anhängselgemeinde, die verschlafene Zukunftsplanergemeinde, die dörfliche Aktivistengemeinde, die fern-östliche Ex-Bergbaugemeinde. Auffällig ist, dass bei dieser Gemeinde-Typisierung keine wirkliche Krisengemeinde, z.B. der Typ: „Schrumpfende Niedergangsgemeinde“ identifiziert wurde (die es sicherlich auch in Österreich gibt), sondern in allen Typen noch das minimal Positive hervorgehoben wurde. Abgerundet wird die Studie mit 21 Thesen, die  – trotz aller erhobener Heterogenität – versuchen, verallgemeinerbare Empfehlungen für die Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen im ländlichen Raum zu geben.

Das große Verdienst dieser Studie liegt darin, das bisher fach-wissenschaftlich vernachlässigte Thema der Arbeitsplatz-Erhaltung und -Schaffung im ländlichen Raum einmal auf der Interaktionsschiene kommunale Rahmenbedingungen und ökonomische (Un)Wirksamkeit detailliert untersucht zu haben, um die darin verborgenen Wirkungszusammenhänge sichtbar zu machen. Für diese Pionierarbeit gehört das Buch  klar in unsere BestenListe.

 

Platz 7

Landwirtschaftskammer Tirol / Tiroler Landesmuseen-Betriebsgesellschaft m.b. H. (Hrsg.): Die Kunst der Landwirtschaft. Landwirtschaft und Kunst von 1875 bis heute. Innsbruck 2007. (ISBN 978-3-9502411-0-5)

Direktbezug: Tiroler Landesmuseen-Betriebsgesellschaft m.b.H., Museumsstraße 15, A-6020 Innsbruck

Der Titel der Ausstellung, der auch gleichzeitig der Titel des vorliegenden Ausstellungskataloges ist, erschließt sich nicht auf den ersten Blick: Es geht in ihm nicht vorrangig um die „Darstellung der Landwirtschaft in der Kunst“, also nicht um eine weitere Genre-Analyse der Landwirtschaft im Wandel der Zeit. Dafür erscheint die präsentierte Ausstellung von ihrer Struktur her viel zu unsystematisch und im chronologischen Ablauf zu unübersichtlich. Es geht vielmehr um das allgemeine Verhältnis von Kunst und Landwirtschaft, also um eine offene Darstellungen des Umgangs der Kunst mit dem Thema Landwirtschaft, gebrochen durch die sozio-kulturellen Brechungen des gesellschaftlichen Wandels von 1875 bis 2007. Und es geht in ihm nicht nur um Tiroler Landwirtschaftskunst, sondern das Spektrum der vertretenen Künstler und Objekte reicht weit über den Tiroler Raum hinaus. Neben den Tiroler Malern, wie beispielsweise Mathias Schmidt, Franz von Defregger oder Albin Egger-Lienz, werden auch viele Leihgaben aus Österreich und auch aus dem Ausland gezeigt.

Im thematischen Mittelpunkt der einzelnen Bildmotive steht vorrangig die Landwirtschaftsdarstellung im Alpenraum mit ihren spezifischen Bewirtschaftungsformen und Menschentypen, aber darüber hinaus immer wieder auch eine bildliche Auslösung aus dem klischeehaften Bild düsterer, deckenschwerer Bauernstuben, kinderreicher Familienportraits, oder mit kräftigen Händen säender Landmänner. Das Anliegen der Ausstellung ist es, gerade dieses starre, in vielen Köpfen eingebrannte, Bild von Landwirtschaft zu durchbrechen und aus dem hermetischen Genre einer irgendwie gearteten „Bauernkunst“ bewusst auszubrechen. Der erste Durchbruch geschieht dadurch, dass hier nicht nur bildende Kunst präsentiert wird, sondern Landwirtschaftsbilder in jeglicher Form: gemalte und gezeichnete Bilder, fotografierte und video-installierte Bilder, geformte Collagen-Bilder und Rauminstallationen. Diese Heterogenität ist Prinzip und soll mit dem konfrontativen Aufeinandertreffen vom „Bildern aus der Vorstellung“ und „Bildern aus der Wirklichkeit“, bewusst eine neue Sicht auf der Verhältnis der Gesellschaft zur Landwirtschaft provozieren.

Nach einem etwas verwirrenden Einstieg, mit sehr unterschiedlichen, meist assoziativ-gehaltenen Textbeiträgen zum oder auch etwas vorbei am eigentlichen Thema (wobei nur der Text von Günther Dankl: Prinzip „Heimat“. Zum Wandel der Darstellung des bäuerlichen Lebens in den Bildern von Franz von Defregger bis Alfons Walde eine gewisse Systematik erkennen lässt), erschließt sich ein sehr gut aufgebauter Hauptteil mit der Darstellung der Bilder, einer ausführlichen Beschreibung der einzelnen Motive und Objekte und einer detaillierten Biographie der Künstler. Der angestrebte Perspektivenwechsel in der Sichtweise wird dadurch erreicht, dass die Zeitschiene, also der Entstehungszeitpunkt der Bilder ausgeschaltet wird, und somit „ent-zeitlichte Motive“ (unter den Themenüberschriften: Menschenbilder, Bauernstube, Arbeit / Produktion, Mahlzeit, das Eigene / das Fremde) provokativ gegeneinander gestellt werden. Diese inszenierte Verwirrung soll neue Denkbilder produzieren und alte Klischees aufsprengen.

Das Buch dokumentiert einen neuen Umgang im Verhältnis von Landwirtschaft und Kunst, der mit dieser Ausstellung pionierhaft versucht wurde. Mit ihr wurden die Landwirtschaftsbilder aus dem musealen Rahmen reiner Zeitbilder und darin festgesetzter, archetypischer Kopfbilder, herausgeholt und mit neuen Realitätsbildern konfrontiert. Der daraus hervorgegangene Ausstellungskatalog ist dabei nicht nur thematisch innovativ, sondern auch editorisch rundherum gelungen und gehört damit unbedingt in unsere BestenListe.

 

Platz 8

Wolfgang Wertenbroch: Lernwerkstatt: Landwirtschaft früher und heute. Infotexte, Aufgaben, Interviews, Sinnerfassendes Lesen / Mit Lösungen. Kohl-Verlag, Kerpen 2007. (ISBN 3-86632-789-7)

Das Wissen um die Landwirtschaft hat bei den Jugendlichen aktuell einen Tiefsstand erreicht. Selbst auf dem Lande sind die Kenntnisse über die moderne Landwirtschaft unter den Landjugendlichen lückenhaft. Woher soll also die Information über die Landwirtschaft, die nicht mehr aus dem alltäglichen Erleben kommt, kommen ? Eine mögliche Antwort wäre: Aus einer didaktisch gut aufbereiteten Einführung in das „Lernfeld Landwirtschaft“, z.B. im Rahmen eines abwechslungsreich gestalteten Erkundeunterrichtes. Wie das geht zeigt die „Lernwerkstatt“ des Didaktikprofis Wolfgang Wertenbroch, der mit 58 Kopierfolien, vielen Arbeitsanimationen, einem Begriff-Anhang und angehefteten Lösungen (auch die Lehrer sind keine Landwirtschaftskenner mehr !) eine Unterrichtseinheit zur „Landwirtschaft früher und heute“ vorgelegt hat. Das Detailwissen zum Lernfeld Landwirtschaft heute hat er dafür nicht aus anderen Büchern, sondern aus Gesprächen mit Landwirten gewonnen. Diese „Direktvermarktung“ von Wissen über Landwirtschaft kommt der Lerneinheit sehr zu gute, denn sie wird dadurch sehr konkret und schafft den Brückenschlag zu eventuell vorgesehenen eigenen Hoferkundungen der Schüler, die zum Theorie-Praxis-Abgleich nach der oder parallel zur Durchführung dieser Grundeinheit als zusätzlicher Lerneffekt der Markierung möglicher Abweichungen der Realität zum Erlernten sehr empfohlen wird.

Besonders gelungen ist bei dieser Lernwerkstatt die sozial-historische Einbettung von Landwirtschaft und die damit erzielte realitätsnahe Wiedergabe ländlicher Lebensrealität. Unter den Stichworten: Landarbeit ist Handarbeit, Hollandgänger und Schwabenkinder, wird die volle Breite landwirtschaftlichen Alltagslebens im 19. und auch noch im 20. Jahrhundert dargestellt und kein Raum für Landidyllen gelassen. Ein notwendiger Schwerpunkt bildet das Thema der Landwirtschaft im 21. Jahrhundert, das die moderne Landwirtschaft zwischen Modernisierungsdruck, Massentierhaltung, Direktvermarktung, Landtourismus, Energieerzeugung und Mehrfacheinkommen beleuchtet.

Die ganze Lerneinheit sollte in der Unterrichtspraxis auch als Ganzes umgesetzt werden. Die Herausnahme einzelner Kapitel ist – obwohl der Autor dies empfiehlt - schwierig, bauen die einzelnen Lernschritte doch teilweise direkt aufeinander auf. Wird die ganze Einheit umgesetzt, so werden aus Schülern „kleine Landwirtschaftkenner“, die über viel Detailwissen zu den Abläufen auf einem Bauernhof heute verfügen. Das didaktische Prinzip des exemplarischen Lernens, das den Aufbau dieser Lernwerkstatt kennzeichnet, ist schülergerechter und für die geplante Zielgruppe der 5.-7.Klässler sinnvoller, als die vielfach von anderen Lerneinheiten gewählte Gliederung, die sich meist zu sehr mit Landwirtschaftspolitik im allgemeinen und weniger mit der Landwirtschaft im konkreten beschäftigen und daher meist wie „Lehreinheiten“ daherkommen. Dieser gelungene Ansatz hat dazu geführt, diese Lernwerkstatt in unsere BestenListe aufzunehmen und sie damit für ihre didaktische Ausgereiftheit zu loben.

 

Platz 9

Matthias Gather / Andreas Kagermeier / Martin Lanzendorf: Geographische Mobilitäts- und Verkehrsforschung. Studienbücher der Geographie. Gebrüder Borntraeger Verlagsbuchhandlung, Berlin / Stuttgart 2008. (ISBN 978-3-443-07143-1)

Neben einem fundierten Überblick über die vielfältigen Aspekte der Mobilitätsforschung, wie z.B. die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Mobilitätssteigerung, die Umweltwirkungen  von Mobilität und Verkehr und die Wechselwirkungen von Raum- und Verkehrsplanung, widmet sich dieses Lehrbuch auch in einem speziellen Kapitel dem Thema eines „Verkehrskonzeptes für den ländlichen Raum“. Begründet wird diese gesonderte Behandlung mit den besonderen Rahmenbedingungen im ländlichen Raum, der geringen Siedlungsdichte, der geringeren Bevölkerungszahl und der größeren Weite zwischen den Siedlungseinheiten, wobei gleichzeitig eingeräumt wird, dass diese drei Komponenten regional sehr unterschiedlich ausgeprägt sind und der ländliche Raum dadurch ein sehr viel heterogenes Bild als die Agglomerationsräume abgibt. Das Hauptproblem des ÖPNV auf dem Lande ist, dass er in der Hauptsache aus dem Schülerpendlerverkehr besteht und damit angesichts rückläufiger Schülerzahlen vor neuen Herausforderungen steht, die wichtige Daseinsvorsorge für „Nicht-Auto-Mobile Bürger“ aufrechtzuerhalten. Ein zweites Hauptmerkmal des Verkehrs im ländlichen Raum ist, dass sich die Mehrheit der Bürger inzwischen auf ein individualisiertes Mobilitätsverhalten per PKW ohne Inanspruchnahme des Gemeinschaftsverkehrs eingerichtet hat. Dies hat aufgrund der geringen Nachfragedichte zu einer Reduzierung des öffentlichen Verkehrsangebotes geführt und eine Abwärtsspirale eingeleitet, die sich in der Zwickmühle zwischen zu geringer Auslastung und fehlenden Verkehrsmittelalternativen noch verstärkt hat. Diese Tendenz führt dazu, dass die Rahmenbedingungen für angebotsorientierte ÖPNV-Konzepte im ländlichen Raum in den nächsten Jahren noch schwieriger werden. Solchen eher negativen Prognose stehen aber auch positive Erfahrungen aus den letzten Jahren gegenüber, wie z.B. die durch die Regionalisierung der Bahn ausgelöste Revitalisierung des Schienenverkehrs, die neu entstandenen Modelle von Stadtbussystemen in Klein- und Mittelstädten, die vielfältigsten Formen (Linientaxis, Bürgerbusse, Anruf-Sammeltaxis, Rufbusse usw.) eines bedarfsorientierten Gemeinschaftsverkehrs und der steigende Druck der Wirtschaft in Fremdenverkehrsregionen, das öffentliche Verkehrsangebot (z.B. als Transportmittel für das Radwandern) zu verbessern.

Das Lehrbuch bietet (auch) im Kapitel „Verkehr im ländlichen Raum“ einen sehr fundierten Überblick über die Praxis und die sich daraus ableitenden Forschungsfragen an das Thema. Das Buch hält damit den hohen Standard der ganzen Reihe der „Studienbücher der Geographie“ und ist jedem Leser als ein guter Themeneinstieg sehr zu empfehlen und gehört somit natürlich in unsere aktuelle BestenListe.

 

Platz 10

Stefan Bauer-Wolf / Harald Payer / Günter Scheer (Hrsg.): Erfolgreich durch Netzwerkkompetenz. Handbuch für Regionalentwicklung. Springer-Verlag, Wien 2008. (ISBN 978-3-211-73126-0)

Die österreichische Regionalentwicklung ist längst angekommen in der regionalen Wirtschaftspolitik. Aus der Projektentwicklung mit Existenzgründern auf dem Land (so der Beginn der österreichischen Regionalberatung in den 1980er Jahren) wurde inzwischen die hohe Schule der Wirtschaftsberatung von Klein- und Mittelbetrieben im ländlichen Raum, in deren Mittelpunkt aktuell die Entwicklung von regionalen Netzwerken steht. Was früher die „Notwendigkeit der Kooperation“ hieß, lautet heute die „Entwicklung von Netzwerkkompetenz“. Wie die einzelnen Schritte zu diesem regionalen Entwicklungsziel aussehen, zeigt dieses „Handbuch für Regionalentwicklung“ in verschiedenen Modulen auf, die den gegangenen Weg von der „Regional- hin zur Netzwerkentwicklung“ nachzeichnen, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Netzwerk, Kooperation und Organisation skizzieren, und in die hohe Moderationskunst des „Netzwerkens“ einführen. Ergänzt wird diese konzeptionelle Grundlageninformation durch Praxisbeispiele aus der Regionalplanung, aus den umgesetzten EU-Förderprogrammen und anhand vor Ort entwickelten Regionalforen aus Österreich. Den Abschluss bildet ein „Instrumentenkatalog für Netzwerker“, der die Methoden und Schritte zur praktischen Anwendung des Konzeptes vorstellt und damit den Handbuchcharakter des Buches nochmals unterstreicht.

Das Buch steckt voller jahrelanger Erfahrung und Reflexion aus der praktischen Regionalentwicklung, die in den Einzeldarstellungen und in der hohen didaktischen Nachvollziehbarkeit der einzelnen Schritte spürbar ist und es von vielen anderen Methodenbüchern positiv unterscheidet, auch wenn einzelne Anwendungen, wie z.B. manche recht plakative Schaubilder, in ihrem wirklichen Erkenntniswert oft zweifelhafte Spinnendiagramme und die allseitige Präsenz von angelsächsischen Wortphrasen, diesen positiven Gesamteindruck drüben. Allerdings kommt die heutige hohe Schule der Wirtschaftsberatung nicht mehr ohne diese Professionalität erheischende Metasprache, das häufig überladene Moderationsdesign und die überzogene Wichtigkeitsakklamation jedes Einzelschrittes, scheinbar nicht mehr aus. Was auf der Strecke bleibt sind die markanten Machertypen, die gesellschaftlichen Unterschiede in den Regionen, die kulturellen Faktoren der (Selbst)Motivation zur eigenständigen Regionalentwicklung. Stattdessen wird von fertigen Unternehmen, darin agierenden unterschiedlichen Individualcharakteren und einer festen Planlinie des ökonomischen Erfolges ausgegangen. Die in ihren Wurzeln einst breiter angelegte regional-orientierte Regionalentwicklung ist aus der „Schmuddelecke“ des „Wirtschaftlich-noch-nicht-Akzeptierten“ herausgetreten und zur „echten“ Regionalentwicklung der regionalen Wirtschaftspolitik geworden und mit diesem Schritt sind auch die Regionalberater endlich als „echte“ Wirtschaftsberater voll akzeptiert und „geadelt“ worden. Einerseits eine Erfolgsgeschichte, andererseits aber auch ein Verlust an jener bodenständigen Kraft einer Regionalerntwicklung von unten.

Das Buch ist trotzdem empfehlenswert, dokumentiert es doch sehr anschaulich den aktuellen Stand der wirtschaftlich-orientierten Regionalentwicklung und wurde deshalb für unsere BestenListe ausgewählt.

 

 

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