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- LandBücher aus dem deutsprachigen Raum -

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Christoph Maria Merki: Verkehrsgeschichte und Mobilität. UTB Profile 3025. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart-Hohenheim 2008. (ISBN 978-3-8001-2900-3)

Manchmal braucht es solcher „Überblick-Bücher“, um die großen Stränge einer Entwicklungsgeschichte – hier: die historische Rolle von Mobilität und Verkehr – erst richtig zu erkennen. Ohne den „modernen“ Verkehr, d.h. ohne eine kapitalintensive Verkehrsinfrastruktur und ohne mechanisierte Fahrzeuge, hätte es keine Industrialisierung, keine Großstädtebildung und keine Globalisierung gegeben. Der Verkehr war das „Schmiermittel der industriellen Revolution“ im doppelten Sinne: Zum einem indem er den großräumigen Warenverkehr erst ermöglichte, zum anderen indem er mit seiner Eisenbahn-Technik zugleich auch der größte Nachfrager der Produkte der Stahlindustrie (in Form von Schienen, Brücken, Lokomotiven und Rollmaterial) war. Die Eisenbahn machte nicht nur den Kohlentransport über weite Strecken möglich, sie fragte die Kohle auch selbst nach. Als Mega-Investitionsprojekt kurbelte sie den Bausektor an und sie mobilisierte soviel Kapital, dass dadurch auch Banken und Börsen stimuliert wurden. Die Eisenbahn wurde zum Führungssektor der Industrialisierung in Deutschland und trug auch politisch zur Überwindung der Kleinstaaterei bei. Die Eisenbahn revolutionierte aber auch den Landtransport und ermöglichte damit die Versorgung der rasch wachsenden Städte. Der Bau der ersten Bahnhöfe ging Hand in Hand mit dem Abriss der mittelalterlichen Stadtbegrenzungen. Aus den Resten der Stadtmauern wurden Viadukte, Lagerhallen und Güterschuppen. An der Stelle, wo die alten Stadtmauern gestanden hatten, endete nun die neue Eisenbahnlinie. Die Eisenbahn ermöglichte aber nicht nur die rasche Urbanisierung, sondern schuf mit ihrem Streckennetz auch neue Städtehierarchien. So wurden z.B. ungünstig-gelegene Städte zu Bahnknotenpunkten und boomten. Andererseits wurden Handelszentren des „vormodernen“ Verkehrs dagegen vom Netz abgehängt und verloren an wirtschaftlicher Bedeutung.

Die zweite große Urbanisierungswelle brachte das Automobil, das ab den 1950er Jahren eine breite Suburbanisierungswelle auslöste. Die Massenmotorisierung und die Verbesserung der Infrastruktur durch den Bau von Autobahnen und die Asphaltierung sämtlicher Straßen verliehen dem motorisierten Individualverkehr einen gewaltigen Schub und ermöglichte es den Städten sich an ihren Rändern weit auszudehnen. Während die alten Stadtkerne verloren, legte das Umland zu. Die Grenzen zwischen Stadt und Land, Zentrum und Peripherie, verwischten zunehmend. Es bildeten sich Zwischenstädte entlang den Verkehrsachsen. Neue Siedlungskerne lagerten sich an alte Dorfkerne an oder verhalfen vergessenen Kleinstädten zu frischem Leben. Das Auto schuf die typischen Suburbanisierungslandschaften: architektonisch langweilige Ein- und Mehrfamilienhäusersiedlungen, bevölkert mit mittelständischen Kleinfamilien, die bei allen ihren Tätigkeiten (Arbeiten oder Einkaufen, Freizeit oder Bildung) auf das Auto angewiesen waren.

Der Siegeszug des Autos war seit den 1960er Jahren nicht mehr aufzuhalten. Während die Eisenbahntechnik primär aus dem Bedürfnis heraus entstanden war, den Güterverkehr effizienter zu gestalten und der Personentransport nur ein Nebeneffekt dieses Zieles war, war es beim Automobil gerade umgekehrt: Seine Entwickler hatten gerade den Personenverkehr mit ihrer Erfindung im Auge. Dennoch war der Auto-Mobile Verkehr am Anfang kein Umsatzrenner. Erst als sich die Kosten für ein Auto im 20. Jahrhundert für die Anschaffung und den Unterhalt drastisch senkten und auch eine flächendeckende automobile Verkehrsinfrastruktur (Straßennetz, Tankstellen, Reparatur-Werkstätten) vorhanden war, begann sich der Trend in Richtung „Automobilisierung“ zu verschieben.

Hier wurden mit der Verkehrsgeschichte der Eisenbahn und des Automobils nur zwei der im Buch behandelten Entwicklungsstränge exemplarisch in ihren Auswirkungen vorgestellt. Im Buch gibt es aber noch weitere „Verkehrsgeschichten“, wie z.B. die Fahrrad-, Schiff-, Luftschiff-/Luftfahrt- und Raumfahrtgeschichte. Oder auch Kapitel, die sich mit den sozialen, raumplanerischen und energetischen Kosten des Verkehrs kritisch auseinandersetzen und nach den Auswirkungen der ansteigenden Mobilität auf das Raumgefüge und die mobilen Lebensstile befassen.

Das Buch gibt wirklich einen sehr guten Überblick über die Verkehrs- und Mobilitätsgeschichte vom 18. Jahrhundert bis heute, zeugt von einer großen universellen Bildung und Fachkenntnis des Autors und ist in einer sehr ansprechenden Sprache verfasst, die das Lesen zu einem echten Vergnügen macht.

 

Volkmar E. Janicke: Deutschlands romantische Kleinstädte. Bruckmann Verlag, München 2008. (ISBN 978-3-7654-4386-2).

Kleinstädte gelten in Deutschland immer noch als Inbegriff von Romantik. Die „Erbauung am Fachwerk“ (T.W. Adorno) bleibt ungebrochen und die darin eingemauerte Provinz hinter restaurierten Bürgerhäusern, prachtvollen Rathäusern und gepflasterten Marktplätzen versteckt. Und sicher ist dieser besondere Charme der Kleinstädte, ihre Mischung aus Kleinstaaterei, Kleinbürgertum und Kleine-Leute-Paradies, diese faszinierende Kleinheit, besonders in einer zu groß-gewordenen, globalisierten Welt, wieder sehr attraktiv. Die Kleinstadt bleibt immer der Gegenpol zum Globalen Dorf und wird daher nie eine „Global Little Town“ werden, denn diese Wortbildung schließt sich aus. „Wenn Gott nach Hause geht, fährt er nicht zum Himmel, sondern in die Provinz“ – so das einzige literarische Zitat eines Schweizer Aphoristikers von 1932, das im Buch zu finden ist, und für seine Bilder als Motto-Überschrift verwendet wird. Eine thematische Einführung zur Romantik der Kleinstadt – entweder als Vor- oder Nachwort fehlt leider in diesem Buch. Sein Schwerpunkt bildet eine Bilderreise durch deutsche Kleinstädte im Kreuz von Nord nach Süd und von Ost nach West. Eine Landkarte im Anhang zeigt die Bilderstationen der aufgesuchten „Kleinstädte“, die von ihrer Größe her aber nach heutiger sozialgeographischer Definition zum Großteil eher „Mittelstädte“ sind.

Eine solche breite Abdeckung deutscher Kleinstadtlandschaften zwingt notwendigerweise zu Kompromissen: Meist nur ein Bild für jede Kleinstadt und das keineswegs ortstypisch getroffen (hier würde sich wohl mancher Kleinstadtbürger über die willkürliche Bildwahl aufregen), sondern im regionaltypischen Ensemble einer Kleinstadt im regionalen Kontext ausgewählt. Und die Motive wiederholen sich: Herrlich herausgeputzte Herrschaftsbauten,  aufwendig-restaurierte Patrizierhäuser und Reste alter Stadtmauer-Herrlichkeit, unterlegt mit historischen Zunftbildern, schmiedeeisernen Wirtshausschildern und Haus- und Familienwappen. Und immer wieder Kirchtürme, Rathaustürme, Stadttortürme, die leider im Bild sehr häufig geköpft wurden. Diese „Winkelfotographie“, die idealtypisch die stillen  Kleinstadtwinkel mit dem Objektiv sucht, ist sicher das richtige Format, um das Motiv Kleinstadt fototechnisch einzufangen, aber es führt in der Summe dazu, Kleinstadt auf Hauslandschaftsgeschichte zu reduzieren. Das Gesamtensemble der Kleinstadtlandschaft wird nur in wenigen Panoramenbildern von der Flussgegenseite her oder vom Stadtturm herab, abgelichtet, so daß sie sich dem Betrachter nicht entfalten kann. Die Kommentierung der einzelnen Bilder findet am Buchrand neben den Fotos statt, was die Zuordnung erleichtert. Der Inhalt der Texte ist stadthistorisch und geprägt und hat den Stadtmarketing-Diktus eines Touristenführers. Das Buch erfüllt als „Reiseziel-Bilderbuch“ zweifelsfrei seinen selbst gewählten Buchtitel als „Reiseführer für Deutschlands romantische Kleinstädte“ klischeehaft genau und wirbt somit aktiv für die Bestätigung des heimlichen und immer noch mächtigen Kleinstadturbildes in der deutschen Seele, weil es die Kleinstadtbilder zeigt, die diese zur Selbstbestätigung ihres Kleinstadtbildes als Seelennahrung braucht.


Helma Heldberg: Die Müsli Macher. Erfolggeschichte des Biomarktes und seiner Pioniere. Oekom Verlag. München 2008. (ISBN 978-3-86581-127-1)

Bio ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Gestartet ist die Naturkostbewegung vom Tellerrand der so gerne als „Müslis“ verspotteten Öko-Pioniere. Aus den „latzhosen-tragenden Weichei-Müslis“ wurden inzwischen „knallharte Öko-Unternehmer“, was die notwendige Voraussetzung dafür war, dass „Öko“ und „Bio“ letztlich zu einer Erfolgsgeschichte wurde. Das Buch unternimmt eine Zeitreise „zurück zu den Wurzeln“ der Naturkostpioniere, die bis in die 1970er Jahre reichen, als in vereinzelten Großstädten die ersten Naturkostläden entstanden. Der eigentliche Gründerboom lag aber Anfang der 1980er Jahre als sich die Läden beinahe flächendeckend bis in die Kleinstädte verbreiteten. Die Motivationen zum Einstieg in die Naturprodukte sind vielfältig. Eine Hauptmotivation war bei den meisten die Einsicht in die Notwendigkeit von der Perspektivlosigkeit einer primären „Nein-Danke-Bewegung“ wegzukommen und endlich den „Einstieg zu konkreten Alternativen“ zu schaffen. Diesen Schritt mit einer eigenen Existenzsicherung zu verbinden, das selbst gelebte Ökoleben zum Beruf zu machen, die eigenen politischen Kontakte nun öko-ökomomisch zu vermarkten und den Freundeskreis zum ersten Kundenkreis zu machen, spielen eine zusätzliche Rolle.

Dabei waren die Startschwierigkeiten der Ökopioniere nicht rückschlagsfrei: Eingeschrotete Steine im Bauernbrot, LKW-Ladungen von Saftflaschen, die auf der Ladefläche einfroren und erste Öko-Skandale mit Landwirten, die massenhaft nicht ökologisch-erzeugte Eier zugekauft hatten, pflastern den Anfangsweg. Und immer wieder die Standardprobleme: Zu wenig Ware, unregelmäßige Lieferungen, nur das dürre jahreszeitliche Angebot und das hochschwellige Image der Naturkostläden, mit ihrem abturnenden Outfit zwischen Garagenregalen und dem Flair einer Makrobiothek-Teestube. Aus der politischen Überzeugung, auch mit Nahrungsmittel politisch zu agitieren, die anfänglich die Aufklärungs-Kampagne über den realen Markt stellte, ist inzwischen breite mainstream-gesellschaftliche Akzeptanz geworden. Die so häufig zitierte „Öko-Nische“ ist längst verwaist, die Läden haben heute eher den Charakter eines Wellness-Einkaufens und jede Supermarktkette hat inzwischen ihre „Öko-Linie“ und ihre „Öko-Ecke“. Die „Nach-Pionierphase“ hat heute ihre eigenen Probleme, die vor den einstigen Pionieren selbst nicht Halt macht: Das Durchschlagen der allgemeinen Marktentwicklungen auf den anfänglichen „Sondermarkt Öko“, die zunehmenden Wettbewerbskonflikte zwischen den unterschiedlichen Anbietern und der weiterhin ungelöste Sozialgerechtigkeits-Konflikt zwischen „preiswerten Ökoprodukten für Alle“ und „erzeuger-gerechten Produktionspreisen“, bestimmen eine unsichere Zukunft, die bereits einige Pioniere der ersten Stunde im Markt „aufgefressen“ hat.

Die Zukunftsentwicklung ist aber nur ein Randthema dieses Buches, denn sein Hauptthema ist die „Geschichte des Biomarktes und seiner Pioniere“, die in einer gelungenen Mischung von „Pionier-Portraits“ der einzelnen Macher-Typen und immer wieder eingestreute „Hintergrund-Informationen“ (z.B. zur Geschichte des Bio-Handels in Deutschland, zur Geschichte der Vorläufer der Post-1968-Reformbewegung, zum Selbstverständnis der Naturkostszene als Alternativbewegung, usw.) mitliefert und auch den zähen lokalen Kampf der Öko-Erzeuger mit der starren Dorfgesellschaft nicht ausspart. Entstanden ist eine „Kleine Kulturgeschichte der Naturkostbewegung 1972 bis 2008“, die durch ihre ansprechende journalistische Aufarbeitung und lebendige Buchgestaltung überzeugt. Leider fehlt ein abschließendes Glossar (das die Adressen der Akteure, eine kurze Angabe zu den einzelnen Personen und eine stichwortartige Darstellung der Projekte geliefert hätte), was das Buch dann wirklich „abgerundet“ hätte.

 

Regula Steiner: Spuren des Biolandbaus. Wie verschiedene Anbaumethoden in der Landschaft sichtbar werden. Oekom Verlag, München 2008. (ISBN 978-3-86581-107-3)

Die positiven Auswirkungen des Biolandbaus auf die Pflanzen, die Tiere und den Boden sind inzwischen hinreichend untersucht und auch öffentlich nicht mehr umstritten. Wie sieht es aber mit den Auswirkungen des Ökolandbaus auf die Agrarlandschaft aus? Sind auch eindeutige positive Spuren des Biolandbaus im Landschaftsbild zu erkennen? Wie sieht das Verhältnis von Biolandbau zur landschaftlichen Biodiversität praktisch aus?

Diesen zentralen Fragen geht diese Studie aus der Schweiz nach. Sie untersucht am Beispiel des Kantons Zürich welchen sicht- und nachweisbaren Einfluß die jeweiligen Anbaumethoden auf das Landschaftsbild haben. Von den Anbaumethoden her werden drei Bewirtschaftungsformen unterschieden: Konventionell-wirtschaftende Betriebe, biologisch-organisch-arbeitende Betriebe und biologisch-dynamisch-produzierende Betriebe. Als signifikant sichtbare, d.h. als durch statistische Angaben belegbare, durch entsprechende Kartierungen erhebbare und im konkreten Landschaftsbild nachweisbare Unterscheidungen lassen sich tatsächlich deutliche Unterschiede in der Landschaftsrelevanz feststellen. Anhand der Indikatoren, Anteil der Grünlandbewirtschaftung, Flächenanteil der natürlichen Ausgleichsflächen, Anteil der Hecken- und Hochstammanpflanzungen lässt sich eine deutliche Steigerung im Grad der erzielten Landschaftsheterogenität in diesen drei Bewirtschaftungsformen (von konventionellen, über die biologisch-organische bis hin zur biologisch-dynamischen Produktionsweise) nachweisen. Diese erhobene Beobachtung wird im Zuge der Studie zu einem Modell dreier „Muster-Landschaften“ extrapoliert:

Die „fiktive Landschaft des konventionellen Landbaus“ ist dadurch gekennzeichnet, dass der Bach im Zuge der Melioration eingedolt oder begradigt wurde und Landschaftselemente, die die Bewirtschaftung stören, wie z.B. Hecken, Bäume und Randsteifen, entfernt wurden. Mehr als die Hälfte der Fläche wird ackerbaulich genutzt und der Obstgarten wurde auf ein Relikt am Haus reduziert. Die „fiktive Landschaft des biologisch-organischen Landbaus“ ist dadurch gekennzeichnet, dass die ackerbaulich genutzte Fläche geringer als bei den konventionellen Betrieben ist und gezielt Hochstamm-Feldobstbäume, Hecken und extensiv genutzte Wiesen als biotop-vernetzendes Element eingesetzt sind. Hecken- und Baumreihen markieren die landschaftlichen Übergänge zum Bach und zum Wald. Die „fiktive Landschaft des biologisch-dynamischen Landbaus“ ist dadurch gekennzeichnet, dass die ackerbaulich-genutzte Fläche ähnlich hoch ist, wie bei der biologisch-organischen Bewirtschaftung, aber der Bach geöffnet wurde und die Heckenanpflanzungen mit ihre immensen Bedeutung für Käfer, Schmetterlinge und gewisse Vogelarten wieder in Richtung der ackerbaulich genutzten Gebiete verlängert wurden. Freilandgemüse als schmaler Streifen in der Ackerlandschaft und hohe Bäume als sichtbare Feldbegrenzung zur Straße hin, strukturieren ein vielfältigeres Landschaftsbild.

Dass ein solches „idealtypisches Landschaftsbild“ angesichts der heute keineswegs mehr arrondierten Landwirtschaft entspricht (d.h. nur noch ein Teil der bewirtschaften Flächen liegt um den Hof herum, der nur zehnprozentige Anteil der Biolandwirtschaft verschwindet in der breiten Masse der zu neunzig Prozent konventionell arbeitenden Betriebe), räumt auch die Autorin ein. Ihr war es aber wichtig, die Folgen der Bewirtschaftung auch in konkreten Landschaftsbildern oder auch Landschaftsidealbilder, zu visualisieren. Als zweite große Erkenntnis dieser Studie – neben der Markierung der sichtbaren Unterschiede – ist hervorzuheben, dass für die wirkliche Gestaltung der Landschaft, der subjektive Faktor, d.h. das Weltbild und die Einstellung der Bauern ausschlaggebend ist, dass auch hier deutlich wird, welche zentrale Rolle der bäuerliche Mensch bei der Gestaltung von Kultur- und Naturlandschaft hat.

Die Leistung des Buches ist es, die Diskussion um die gesellschaftliche Rolle des Biolandbaus um eine neue Dimension, die für das heutige Landschaftsbild und die zukünftige Landschaftsgestaltung nicht unerhebliche Dimension der „Kulturlandschaftsbedeutung“ erweitert zu haben, was z.B. auch konkrete Auswirkungen auf die Förderrichtlinien der biologischen Anbauverbände hat, denn deren Richtlinien müssten dann dringend um einen „Landschaftsfaktor“ (mit einer stärkeren Forderung nach mehr Anpflanzungen von Hecken, Kleingehölzen und Hochstamm-Feldobstbäumen) ergänzt werden.

 

Rita A. Herrmann / Gerald Munier (Hrsg.): Stadt, Land, Grün. Handbuch für alternative Kommunalpolitik. AKP – Verlag, Bielefeld 2008. (ISBN 978-9803641-5-7)

In unregelmäßigen Abständen positioniert sich die bündnisgrüne Kommunalpolitik auf dem Hintergrund der aktuellen politischen Leitthemen in den Kommunen neu, wobei das „Handbuch für alternative Kommunalpolitik“ als eine Art „verschriftlichte Zwischenbilanz“ eine wichtige Rolle spielt. Es versteht sich als eine „parteiliche“ Positionierung nach innen (hin zur eigenen Parteibasis und den inzwischen zahlreichen Mandatsträgern in den Kommunen und Landkreisen) und nach außen (zur Erklärung und Veranschaulichung der politischen Leitlinien bündnisgrüner Kommunalpolitik). Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die - durchweg als ausgewiesene Fachexperten bekannten - Autoren aus dem politischen Umfeld der Grünen kommen, dass die wichtigsten grün-kommunalen Politik-Felder in 25 Einzelkapiteln abgehandelt werden und dass die abschließenden Informationsanhänge (was nicht immer themengerecht erscheint) primär grüne Literaturangaben enthalten.

Das Thema „Ländlicher Raum“ wird nicht nur bereits im Buchtitel erwähnt, sondern ist auch im Handbuch in zweifacher Weise präsent: Einmal als ein durchlaufendes Querschnittsthema in vielen anderen Beiträgen, zum anderen als ein eigenständig-ausgewiesenes Kapitel zu „Dörfern und ländlicher Raum“. Diese „neue Aufmerksamkeit“ der Grünen für das Land soll dem immer noch weit verbreiteten Vorurteil entgegenwirken, die Grünen seien „eine Großstadtpartei ohne Sinn für die Belange des ländlichen Raumes“. Die verstärkte Sicht aufs Land hängt eng zusammen mit den Grundeinstellungen grüner, ortsnaher, dezentraler Politik und den bis in die Landschaft hinein sichtbaren „grünen“ Erfolge, z.B. durch das „Erneuerbare-Energien-Gesetz“, das den ländlichen Raum in einem Massen-Standort von Windkraftanlagen, Photovoltaikdächern und thermischen Solaranlagen verwandelt hat. Folgt man den Aussagen des explizit zum Thema „Ländlicher Raum“ geschriebenen Beitrag, so zeichnet sich dieser aus grüner Landsicht dadurch aus, dass die Landwirtschaft (obwohl sie nur noch 2,3 % der Arbeitskräfte stellt und ihre Bruttowertschöpfung nur noch 1,1 % beträgt) das Land weiterhin wirtschaftlich, kulturell und visuell prägt, dass mit ihrem langsamen strukturellen Niedergang auch allmählich die vor- und nachgelagerten Betriebe (z.B. Saatzucht, Agrarhandwerk, Molkerei) verschwinden und dies vor allem in den peripheren ländlichen Regionen zu einem ständigen Arbeitsplatzverlust geführt hat. Neben diesem Strukturwandel hat der ländliche Raum aber mit neuen, zunehmenden Problemen zu kämpfen: Bevölkerungsrückgang, Schulschließungen, Reduzierung des ÖPNV auf Schulbusverkehre, Hausarztmangel, Folgekostenbelastungen durch überdimensionierte Infrastruktur- und Prestigeprojekte (z.B. Kläranlagen, Schwimmbäder, Sporthallen) und die technologische Abhängung durch unzureichende Internet-Verbindungen.

Will die bündnisgrüne Kommunalpolitik dem entgegensteuern so ist zu allererst einmal das alte Kirchturmsdenken der Ortsrivalitäten durch neue Formen der Kooperationen zu überwinden, ist eine Rückbesinnung auf die seit 20 Jahren formulierten Ziele der Eigenständigen Regionalentwicklung (d.h. Rückbesinnung auf die eigenen Stärken, die Förderung der endogenen Potenziale und den Aufbau regionaler Wirtschaftskreisläufe und Wertschöpfungsketten) unablässig und ist auch auf dem Land eine „Kultur der offenen Kommunikation“ von Nöten.

Wer sich einen fachlich-fundierten Überblick über das Grundprinzip und die Eckpfeiler grüner Kommunalpolitik in Stadt und Land verschaffen will, findet in diesem Handbuch in den durchweg gelungenen Sachkapiteln eine gute Informationsbasis. Leider fehlt in ihm ein Beitrag, der etwas über die aktuelle Basis der Grünen in den Kommunen aussagt (z.B. eine Art Statistik-Auswertung grüner Mandate) und auch je ein Beitrag, der sich anschaulich mit dem Alltag grüner Kommunalpolitik in der Stadt und auf dem Land exemplarisch auseinandersetzt.

 

Herrmann Witter (Hrsg.): Wenn die Wege weit werden ... Bedrohte Infrastruktur auf dem Land. Herrenalber Protokolle - Schriftenreihe der Evangelischen Akademie Baden, Band 124. Karlsruhe 2008. (ISBN 978-3-89674-127-1).
Direktbezug: Evangelischen Akademie Baden, Blumenstraße 1-7, D-76133 Karlsruhe

Der vorliegende Band ist die Dokumentation der gleichnamigen Akademietagung, die vom 9. – 10. November 2007 in Bad Herrenalb stattfand. Er beschreibt die stattfindende Ausdünnung der sozialen Infrastruktur auf dem Lande auf zwei Ebenen: Zum einen auf sozio-ökonomischer Ebene am Beispiel der ländlichen Genossenschaften als eine wesentliche Stütze der ländlichen Infrastruktur und am Beispiel der in besonderer kommunaler Verantwortung stehenden Sparkassen, zum anderen auf der sozio-kulturellen Ebene am Beispiel der zunehmend länger werdenden Wege für Familienangebote auf den Dörfern und dem schleichenden Rückzug der Kirche auf dem Lande in Baden. Die Beiträge werden abgeschlossen mit einem theologisch-soziologischen Beitrag zur Partizipationsgeschichte und –verantwortung aus biblischer Sicht.

Für die ländlichen Genossenschaften war seit je her ihr Prinzip der strikten Dezentralität und ihre unabdingbare Mitglieder- und Kundennähe die Überlebensgarantie, die sich gerade auf dem Hintergrund globaler Finanzkrisen als verlässlicher Standort- und Wirtschaftsfaktor bestätigt hat. Wenn die Mitglieder Kunden werden, beziehungsweise es bleiben, haben die ländlichen Genossenschaften eine gesicherte Bestandsgarantie. Ähnlich fest im Sattel der lokalen Ökonomie sitzen die Sparkassen, die trotz EC-Automat und Online-Banking immer noch uneingeschränkt am alten, bewährten Sparkassenmodell der mitarbeiterbesetzten Filiale als dem Rückgrat des Geschäfts- und Erfolgsmodells Sparkasse festhalten.

Eher skeptisch sieht das Zukunftsmodell der sozialen Entwicklungen in den Dörfern aus: Zwar kann innerhalb des Angebotes für Familien, in der Kinderbetreuung und in der Betreuung von älteren Angehörigen nicht pauschal von einer „Benachteiligung“ gegenüber städtischen Teilnahmechancen gesprochen werden, aber sicher ist, dass die Wege für die „kleinen Beine“ dieser Gruppen auf dem Lande länger werden. Eine eher gegenteilige Entwicklung zeigt sich bei der Entwicklung der Pfarrstellen auf dem Lande. Hier wächst die Kirchenmitgliedschaft auf dem Lande, während sie in den Städten weiter sinkt, was konkret heißt, dass nach einer Phase der Streichung von 15 % der Pfarrstellen seit 1996 keine weiteren Pfarrstellen gekürzt werden müssen. Das eigentliche strukturelle Problem der Kirche auf dem Lande ist die schleichende Gefährung des „Lebensmodells Pfarrhaus“, des eigentlichen Luther-Felsens, durch die hohe Anzahl alleine lebender Pfarrerinnen und Pfarrer (27,1 % der Gemeindepfarrerinnen und 5,6 % der Gemeindepfarrer sind ledig), was nicht nur zu einer Unternutzung des Pfarrhauses als Wohnraum, sondern auch zu einer sozialen Unterhöhlung der „Institution Pfarrhaus“ führt. Das Pfarrhaus lebt nicht mehr als Ort der Vorbildfamilie, das Pfarramt und das Pfarrhaus werden nicht mehr als Einheit erlebt, das auch außerhalb der Dienstzeit stets offenenstehende Haus ist nicht mehr gegeben. Durch den Abbau von Pfarrstellen gibt es erste Pfarrhäuser, die nicht mehr als solche genutzt werden und die dadurch als selbstverständlicher Kristallisationskern und Identifikationspunkt der Gemeinde verloren gehen. Gelingt es nicht, dass in den freigewordenen Pfarrhäusern weiterhin Christen wohnen, die beruflich oder ehrenamtlich in der Gemeinde tätig sind, so gehen diese als kirchengemeindliche Orte verloren. Trotz dieser strukturellen Probleme lautet die positive Botschaft, dass es für die nächsten 10 Jahre im Südwesten keine weiteren Pfarrstellen-Kürzungen mehr geben muß und damit die Wege zum Pfarrhaus sicher auch nicht mehr weiter werden.

 

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (Hrsg.): Zukunft ländlicher Räume. Beiträge der Konferenzreihe „Zukunft ländlicher Räume“ des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Berichte über Landwirtschaft. Zeitschrift für Agrarpolitik und Landwirtschaft. 217. Sonderheft. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2008. (ISSN 0005-9080)

Die „Berichte über Landwirtschaft“ greifen in diesem Sonderband weit über das eigentliche Feld hinaus und berichten in einer Sammeldokumentation über die von 2006 bis 2008 gelaufene Konferenzreihe zum Thema „Zukunft ländlicher Räume“. Auf diesen vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) an mehren Orten veranstalteten Zukunftsforen wurde politiknah über die Perspektiven ländlicher Entwicklung auf fünf Ebenen diskutiert: Auf der Ebene einer Bestandsaufnahme der aktuellen Entwicklungstrends im ländlichen Raum, auf der Ebene der Analyse bisheriger Entwicklungsstrategien, auf der Ebene der Evaluierung bestehenden Förderprogramme und Projektansätze, auf der Ebene der Dokumentation „guter Beispiele“ und auf der Ebene der Diskussion über die Rolle der ländereigenen „Akademien Ländlicher Räume“ für die Politikberatung.

In einem aktuellen Themenaufriß zum (Zu)Stand der ländlichen Räume wurden folgende Hauptthemen identifiziert: Die Perspektiven für die Landwirtschaft, Wachstum und Beschäftigung auf dem Lande, die Sicherstellung der Grundversorgung, Strategien für medizinische Versorgung und Bildung, die Zukunft öffentlicher Mobilitätsdienstleistungen und der Ausbau der Datenautobahn auf dem Land. Auf einer zweiten Ebene wurden bestehende politische Strategien zur Entwicklung des ländlichen Raumes überprüft: Welche Strategiewechsel sind notwendig? Wodurch werden sie aktuell noch blockiert? Wie kann z.B. das Flurneuordnungsverfahren effizienter werden?  Welchen Nutzen bringen verbesserte Controllingverfahren für die Verwaltung? Worin liegen die Handlungsoptionen für die Zukunftsentwicklung der ländlichen Räume? Wie kann das Labyrinth oft verschlungener ländlicher Entwicklung entwirrt werden? Die dritte Ebene befasst sich mit einer Zwischenbilanzierung bisheriger Förderprogramme: Die Erfahrungen aus dem Bundesprogramm „Regionen Aktiv“; das Programm „Natura 2000“ als Chance für ländliche Räume; die unterschiedlichen Mehrwertsraten der „Leader-Projekte“ und Länder-Entwicklungsprogramme zum ländlichen Raum; die Umsetzung des Leader-Schwerpunkts am Beispiel Bayern. Die vierte Ebene widmet sich der Darstellung erfolgreicher Praxisansätze: Dem Projekt „Region im Dialog“ aus Rheinland-Pfalz, dem „Regina-Projekt“ des Landkreises Neumarkt in der Opferpfalz, dem Projekt „Ländliche Lebensmodelle“ in Sachsen-Anhalt und dem „DORV-Zentrum“ Jülich-Barmen. Die fünfte Ebene diskutiert am Bespiel der „Akademien Ländlicher Raum“ aus Bayern, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein die Rolle dieser Einrichtungen für die Kommunikation über ländliche Fragestellungen, bei der Politikberatung und in der konkreten Projektbegleitung.

Der Verdienst dieser Publikation ist es, dass mit ihr nun in komprimierter Form alle Beiträge aus dieser Konferenzreihe öffentlich vorliegen und damit anschaulich dokumentieren, dass der angefangene Dialog zwischen Politik und den unterschiedlichen Akteuren aus dem ländlichen Raum unbedingt fortgesetzt werden muß.

 

Christian Ernst (Hrsg.): Siedlungsgeographie. Mensch und Raum. Cornelsen Verlag, Berlin 2007. (ISBN 978-3-464-64470-6)

Das Buch ist für die gymnasiale Oberstufe als Einstieg in den „Leistungskurs Geographie“ konzipiert und bietet für diese Zielgruppe wirklich einen gut-fundierten Überblick über das Sachgebiet der Siedlungsgeographie. Ein spezielles Kapitel zur „Geographischen Arbeitsweise“, Tipps für Klausuren, ein kurzer Glossar zu den wichtigsten Fachbegriffen und zu jedem Abschnitt formulierte Lernkontrollfragen, machen aus ihm ein „echtes Lehrbuch“ für höhere Klassen. Den Schwerpunkt des Buches bildet die geographische Stadtforschung mit den beiden großen Themenblöcken der europäischen Stadtgeschichte und Stadtgeographie sowie der globalen Stadtentwicklung und weltweiten geographischen Stadtforschung. Die Siedlungsforschung in der Fläche wird in einem gesonderten Kapitel zur „Raumordnung und Stadtplanung in Deutschland“ behandelt, in dem schwerpunktmäßig der Großraum Berlin als Fallbeispiel für geographische Stadt- und Umlandplanung dient.

Auch der „Siedlungsentwicklung in ländlich-geprägten Räumen“ wird ein kurzes eigenes Kapitel gewidmet, das aber vom Umfang und Inhalt her stark gegenüber der Darstellung der Siedlungsentwicklung in den Stadträumen abfällt. Es untergliedert sich in die Themenbereiche Landwirtschaft als Grundlage ländlicher Siedlungen und in die allgemeine Funktionsbeschreibung ländlicher Räume und behandelt in klassischer Siedlungsmanier die grundrissgeprägten Dorfformen im Nordwesten Deutschlands und setzt sich mit dem aktuellen Funktionswandel der Dörfer zu Wohnstandorten auseinander. Die Darstellung der ländlichen Siedlungsentwicklung wird exemplarisch am Beispiel des Berliner Umlandes und Brandenburgs entwickelt, was dazu führt, dass hier nur ein Typ ländlicher Entwicklung vorgestellt wird, der auf andere ländliche Räume, z.B. im süddeutschen Raum, nicht direkt übertragbar ist. Auch das große Passstück zwischen Stadt und Land, die „Siedlungskategorie der Kleinstädte“ fehlt leider völlig, was für ein Grundlagenwerk zur Siedlungsgeographie (die ja die Kleinstadtforschung als einzige Fachdisziplin seit Jahrzehnten fast im Alleingang aktiv betrieben hat) eine große fachliche Lücke darstellt. Zu bemängeln ist auch, dass der Leser nichts zum Entstehungshintergrund des Buches, der Herkunft und Tätigkeit der Autoren und der Lernabsicht des Lehrbuches erfährt, denn weder ein einleitendes Vorwort, noch ein didaktischer Vorspann, noch ein bio-bibliographischer Hinweis zu den Autoren, ist im Buch enthalten.

Sieht man von den hier kritisierten Mängeln und der sehr starken räumlichen Fixierung auf den Großraum Berlin und auf das Berliner Umland ab, so kann man dem Buch ansonsten nur positiv bescheinigen, dass es einen sehr guten Themenaufriß zur (schwerpunktmäßig städtischen) Siedlungsgeographie gibt und auch die aktuellen raumpolitischen Themen der demographischen Entwicklung, sozialräumlichen Ausdifferenzierung und Segregation sowie der Notwendigkeit zu einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung aufnimmt. Es ist daher als Einstiegsbuch zum Thema Siedlungsgeographie nicht nur für die gymnasiale Oberstufe, sondern auch für alle Geographiestudenten und für alle an der Thematik der Siedlungsstruktur und Siedlungsplanung Interessierte zu empfehlen.

 

Jürgen Kleindienst (Hrsg.): Wo morgens der Hahn kräht. Unvergessene Dorfgeschichten 1912 - 1968. Band 1 und Band 2. Ausgewählt aus Zeitgut-Bänden. Zeitgut Verlag, Berlin 2007. (ISBN 978-3-86614-132-2)

Jürgen Kleindienst (Hrsg.): Barfuß übers Stoppelfeld. 59 Unvergessene Dorfgeschichten 1918 - 1968. Band 3 und Band 4. Ausgewählt aus Zeitgut-Bänden mit 19 neuen Geschichten. Zeitgut Verlag, Berlin 2008. (ISBN 978-3-86614-148-3)

Beide Bücher, mit ihren insgesamt vier Bänden, bilden inhaltlich und zeitlich eine Einheit. Die hier vorgestellten insgesamt 106 „Dorfgeschichten“ sind zum Großteil ein Extrakt aus bereits erschienenen anderen „Zeitzeugen-Erinnerungen“ der Zeitgut-Reihe, zum kleineren Teil bestehen sie auch aus Originalbeiträge für diese Sammlung. Die komprimierte Veröffentlichung in zwei speziellen „Landbänden“ macht das gesammelte Material noch dichter und eröffnet ein breites Spektrum an „Lebenserinnerungen“, denn alle Geschichten sind Erinnerungen von Menschen der Jahrgänge vor 1945, die auf ihrer Erlebnisse auf dem Lande als dort aufgewachsene, dorthin verschlagene oder dorthin verschickte Personen zurückblicken. Es sind „Dorfgeschichten pur“ in einer eher „naturalen“ Form, ohne literarische Tiefe, ohne politische Correctness  und ohne besonderen Persönlichkeitsschutz, Geschichten wie sie fast jeder von den Erzählrunden am Küchentisch, in der guten Stube oder bei anderen Plauderstunden kennt. Es sind Familiengeschichten, häufig Kriegsgeschichten und einzelne Personenschicksale, aber auch Erzählungen mit dörflichem Tratschcharakter über andere Personen, über deren Unzulänglichkeiten, über deren Fehler und über deren schillernde Rolle in der Dorföffentlichkeit. Es sind nachdenkliche, ernste und häufig heitere Geschichten, aber auch viele Geschichten voller Kindheitswehmut, die nicht ganz frei von Verklärungen einer „guten alten Zeit“ sind.

Gerade die direkte Sprache der Erzählenden und die in ihren Geschichte für viele wieder unmittelbar lebendig werdenden eigenen Erinnerungsbilder, ziehen viele Menschen an: „Ja, so war es – das Gleiche habe ich auch, so ähnlich, erlebt!“ Durch die Gesamtedition wird erst die volle Breite der in den einzelnen Erzählungen steckenden Detailinformationen über das Dorfleben von 1912 bis 1968 sichtbar. In dieser Hinsicht ist diese Sammlung ein wirklich materialreicher „Gedächtnissteinbruch“, aus dem sich viele Erinnerungstücke zur eigenen weiteren „Erinnerungsarbeit“ herausbrechen lassen.

Ein Register der Orte, in denen die einzelnen Ortsgeschichten spielen und ein kurze Schlagwortregister zu den Verfassern und die Anzahl ihrer Beiträge runden das Buch ab. Ein thematisch-einleitendes Vorwort oder auch ein editorisches Nachwort fehlen leider, da es dem Herausgeber primär darauf ankam, den begrenzten Platz mit möglichst vielen Autorenbeiträgen zu füllen.

 

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (Hrsg.): Not am Mann. Vom Helden der Arbeit zur neuen Unterschicht? Lebenslagen junger Erwachsener in wirtschaftlichen Abstiegsregionen der neuen Bundesländer. Berlin 2007. (ISBN 978-3-00-02-1676-7)

In den neuen Bundesländern gibt es knapp 60 Gemeinden mit mehr als 5.000 Einwohnern, in denen der Frauenanteil in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen immer mehr schrumpft und in denen deshalb weniger als 80 Frauen je 100 Männer leben. Um das Phänomen des Frauenmangels und gleichzeitig bestehenden Männerüberschusses einmal exemplarisch zu untersuchen, wurden für diese Studie zwei Orte aus dieser Statistik ausgewählt: Die Stadt Ebersbach, gelegen im Landkreis Löbau-Zittau in Ostsachsen und Herzberg im Landkreis Elbe-Elster im südwestlichen Brandenburg. Der anhaltende Arbeitsplatzabbau bietet wenig Chancen für die Jugend und führt dazu, dass sich inzwischen auch bei der Arbeitslosigkeit das Blatt gewendet hat: Seit 2004 weist in den Fallgemeinden die Statistik aus, dass erstmals mehr Männer als Frauen arbeitslos sind. Während die Frauen seit Jahren auf die schlechte Beschäftigungslage mit Abwanderung reagieren, reagieren die Männer auf den dadurch entstandenen Abwanderungsdruck fast überhaupt nicht. Sind junge Männer gezwungen sich trotzdem zu verändern, so kehren sie häufiger als Frauen wieder völlig resigniert zurück. Frauen finden in der Fremde leichter Anschluß und können sozial besser mit den Bedingungen in ihrer neuen Heimat umgehen.

Die Hauptursache für die überproportionale Frauenabwanderung aus den neuen Bundesländern ist zum einen ihr höherer Bildungsabschluß, zum anderen aber auch die früher gereifte Einsicht, dass sie vor Ort im Bleiben keine Entwicklungschance haben. Im Gegensatz dazu spielen die Jungen immer noch die alten Rollenspiele männlicher, physisch-anstrengender Produktionsberufe nach, obwohl gerade diese traditionellen Berufe durch den Strukturwandel vernichtet wurden. Die Jungen richten sich auf ein „Dableiben in jedem Fall“ ein, verbittern, resignieren und mutieren zum „genügsamen Zurückbleiber“, der seine Ansprüche zurückschraubt, nur um bleiben zu können. Es entstehen neue Formen von Männerbünden, die ihre negative Lebenslage in Gruppenprozessen durch übermäßigen Medienkonsum, Langeweile-Kriminalität und rechtsradikale Gruppenidentität zu stabilisieren versuchen. Der Verlust der traditionellen Männlichkeit treibt viele Jungen in die rechte Szene, die mit ihrem militanten Männerbild Ersatz verspricht.

Viele der dauerarbeitslosen jungen Männer werden von den lokalen Sozialarbeitern als „nicht mehr entwicklungsfähig“ eingeschätzt, deren Karriere im Prekariat vorgezeichnet ist. Aber auch bei den resigniert zurückgebliebenen Frauen zeigt sich ein neuer Trend, ihre schlechte soziale Lage mit einer Teenager-Schwangerschaft und einer damit verbundenen „Selbstbeschäftigung“ zu kompensieren. Die Langzeitwirkung der Frauenabwanderung und der gleichzeitig kaum mehr stattfindenden Rückwanderung ist verheerend, denn mit den jungen Frauen fehlt ein wichtiger sozial-klimatischer Faktor in der ostdeutschen Öffentlichkeit.

 

Bernhard Köppen: Demographischer Wandel im ländlichen Raum – Neue planerische und politische Herausforderungen durch ein altbekanntes Phänomen. In: Geographie und Schule, Heft 172 (April 2008), Schwerpunkt: Demographischer Wandel und Raum, Aulis Verlag Deubner, S. 17-20

Der demographische Wandel trifft in vielen – vor allem den peripheren - ländlichen Räumen auf eine lange Vorgeschichte schleichenden Niedergangs bedingt durch fehlendes Arbeitsplatzangebot, Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Ausstattungsdefizite mit fortschreitendem sozialen und technischen Infrastrukturverfall. Zu einer „demographischen Problemlage“ wird dieser „Normal“-Zustand peripherer ländlicher Orte dann, wenn der Bevölkerungsrückgang schnell und im großen Maße erfolgt und mit einer massiven sozialen Selektion der Bevölkerung (starker Rückgang der jungen Frauen, Ansteigen der alternden Bevölkerung) - wie dies z.B. in den neuen Bundesländern der Fall ist - einhergeht. Allerdings gibt es keine automatische Übertragbarkeit der „Ost-Erfahrungen“ auf westdeutsche Schrumpfregionen, denn viele der spezifischen Ostprobleme hängen doch sehr eng mit der DDR-Vorgeschichte (Zusammenbruch einer sozialistischen Industrieplanung am Reißbrett, Spätfolgen der DDR-Strukturpolitik mit der Vernachlässigung und Ausdünnung der Kleinstädte, sozial-psychologische Mentalitätsprobleme einer sozialistisch-sozialisierten Bevölkerung) zusammen. Die ostdeutschen Schrumpfungsbeispiele taugen daher nur bedingt als Exempel für die zukünftige Entwicklung in westdeutschen Regionen, denn der demographische Wandel im Westen zeigt sich regional viel heterogener und nicht so flächendeckend wie in ostdeutschen Regionen. Regionale Analysen (wie z.B. die im vorliegenden Aufsatz vorgestellte Bevölkerungsentwicklung der Landkreise Südliche Weinstraße und Südwestpfalz) zeigen sehr anschaulich einen buntern Flickenteppich von Bevölkerungsverlusten, Bevölkerungsgewinnen und Bevölkerungsstagnationen. D.h. in einem ländlichen Regionalraum finden ganz unterschiedliche, oder gar gegensätzliche Entwicklungen statt, so dass der darüber definierte ländliche Raum nicht pauschal als „demographie-gefährdet“ bezeichnet werden kann. Die zukünftige Planungskunst besteht also darin mit dieser Heterogenität umzugehen, z.B. indem die Orte, die Wachstumschancen haben, systematisch gefördert werden, ohne dass die stagnierenden Orte aufgegeben  und einer Art „Wüstfallen“ ausgeliefert werden. Da davon auszugehen ist, dass die peripher-ländlichen Regionen weiterhin „negative natürliche Salden“ als Abwanderungsräume hervorbringen und in ihrer Rolle als „Quellgebiet für Zuwanderung“ in prosperierende Regionen bleiben werden und dieser Trend auch nicht durch massive internationale Zuwanderung (Migration) gebrochen wird, wird sich der allgemeine Negativtrend in dieses Teilräumen fortsetzen, d.h. negative Geburtenraten und Migrationssalden, auf der Basis steigender Abwanderungszahlen und gleichbleibender, natürlicher Sterberaten, werden die bevölkerungsgeographisch-demographischen Problemlagen in diesen Regionen verschärfen.

Als wichtigste Gegenstrategie gegen diese Entwicklungen, erscheint allein die schnelle und planungsfundierte Einführung einer „Nachhaltigkeits- und Demographieverträglichkeitsprüfung“ sinnvoll, die alle Bauvorhaben auf ihre Belastungen in der Zukunft hin checkt, die die sinkende Nachfrage nach Baugrund im Flächenmanagement berücksichtigt, die den oft ruinös-geführten interkommunalen Wettbewerb politisch unterbindet und die Infrastruktur nach dem tatsächlichen Bedarf, d.h. nach den zu schulternden Kosten und nach der Absicherung der Wohnwertqualität der Orte ausrichtet. In dieser Zukunftsstrategie dürfte das Thema der „Alterung im ländlichen Raum“ und der „Absicherung einer ortsnahen Grundversorgung“ wohl eine zentrale Relevanz haben. Ob für die strukturell immer stärker vereinsamenden Menschen dann „virtuelle“ Läden und „E-Commerce“ wirklich bürgergerechte Lösungen sind und nicht die wirklich wirksamen Gegenkräfte in den Bürgeraktivitäten vor Ort gesucht werden müssten, bleibt dabei kritisch zu hinterfragen.

 

Dieter Börsch: Kaub – Niedergang und Perspektiven einer rheinischen Kleinstadt. In: Geographie und Schule, Heft 166 (April 2007), Schwerpunkt: Schrumpfende Städte, Aulis Verlag Deubner, S. 27-29

Die Kleinst-Kleinstadt Kaub wird in der Zeitschrift „Geographie und Schule“ (Erstschilderung im Beitrag: „Die Kleinstadtlandschaft am oberen Mittelrhein“ im Heft 82 / 1993) zum Fallbeispiel einer Gemeinde mit stark rückläufigen Einwohnerzahlen. Hatte der Ort 1950 noch 2554 Einwohner, so sank 2006 die Einwohnerzahl mit 996 unter die magische „1000er Marke“ und taucht nun im vorliegenden Schwerpunkt-Heft zu „Schrumpfenden Städten“ wieder als Kleinstbeispiel einer schrumpfenden „Kleinstadt“ (obwohl die Ortsgröße eher Dorfcharakter signalisiert) auf.

Der Niedergangs Kaubs hat drei Ursachen, die im inneren Strukturwandel der Gemeinde liegen: Der Ausbau des oberen Mittelrheins zur modernen Wasserstraße mit der Beseitigung der gefährlichen Streckenteile, sowie die Einführung neuer Steuerungssysteme machten das früher als ein lokaler Haupterwerbszweig geltende Lotsenwesen 1976 überflüssig. Auch das zweite Standbein der Gemeinde, der Weinbau ging stark zurück. Mit der Stilllegung des Abbaus von Dach- und Plattenschiefer wurde auch der letzte wichtige Industriezweig 1972 verloren. Seit den 1970er Jahren ging daher die Entwicklung stetig abwärts: Ausdünnung der lokalen Infrastruktur, veraltete Bausubstanz im Ortszentrum, wenig räumliche Expansionsmöglichkeiten durch die gedrängte Engtal-Lage und eine stetige Zunahme von Bahn-, Auto- und Schiffsverkehr mit dem damit einhergehenden Lärmpegel, förderten die Abwanderung. Die Versuche Kaubs, sich als Fremdenverkehrsort neu zu positionieren und darüber den Niedergang zu stoppen, sind bisher wenig erfolgreich, denn die innerörtlichen Übernachtungszahlen liegen deutlich unter denen der Nachbargemeinden. Neue Chancen, um mehr Gäste in das schrumpfende Städtchen zu bringen, böte eine Einbettung des lokalen Tourismusangebotes in das Weltkulturerbe „Oberes Mittelrheintal“, was aber ohne grundlegende Instandsetzung der alten Bausubsubstanz und offensive Lärmschutzmaßnahmen nicht gelingen wird. So scheint Kaub weiterhin ein immer wieder herangezogenes Fallbeispiel für die Auszehrung einer Kleinstgemeinde im Westen bleiben zu müssen.

 

Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugend im Ländlichen Raum / Katholische Landjugendbewegung Deutschlands / Bund der Deutschen Landjugend (Hrsg.): Landjugend(t)räume. Herausforderungen und Perspektiven für die Jugendarbeit im ländlichen Raum. Berlin 2007
Nur Direktbezug: Bund der Deutschen Landjugend, Claire-Waldoff-Straße 7, D-10117 Berlin.

Das Buch ist aus dem gleichnamigen Symposium der drei Landjugendverbände, das Anfang Mai 2007 in Berlin stattfand, heraus entstanden. Es sollte den Dialog zwischen den Vertretern der Landjugendverbände und Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft über aktuelle Fragen der „Lebenssituation von Jugendlichen im ländlichen Raum“ aktivieren. Die dort gehaltenen Beiträge wurden ergänzt, vertieft und zu dieser Buch-Dokumentation zusammengestellt, die nicht öffentlich, sondern nur über die drei Landjugendverbände erhältlich ist.

Der Doppeltitel, der sowohl die konkreten Landjugendräume, als auch die visionären Landjugendträume umfasst, ist bewusst gewählt, um das Spannungsfeld zwischen der aktuellen Situation in den ländlichen Regionen und den Hoffungen der dort lebenden Jugendlichen, auch dort bleiben und ihre Bedürfnisse in Freizeit, Ausbildung und Beruf auch umsetzen zu können, sichtbar zu machen.

Eingeleitet wird das Buch mit einem Grundsatzartikel von Joachim Faulde, der „die aktuellen Entwicklungen in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen in ländlichen Regionen“ anhand aktueller Forschungsstudien aus der Jugendarbeit beschreibt. Der daran anschließende Beitrag von Heide Funk befasst sich mit den „Land-Erfahrungen und Gestaltungsspielräumen von Jugendlichen in ihrer Freizeit“. Als einen weiteren Grundsatzartikel in diesem Band kann man den Aufsatz von Martin Weingardt ansehen, der sich dem brennenden Thema der „schleichenden Entschulung des Landes“, der Ausdünnung des Schulangebotes im ländlichen Raum am Beispiel Baden-Württembergs widmet. Weniger landspezifisch sind hingegen die beiden Beiträge von Astrid Kleber, die „den schwierigen Übergang von Schule zum Berufsleben“ beschreibt und der Artikel von Matthias Sammet und Daniel Ruhe, die versuchen „Zukunftsperspektiven für junge Menschen in den ländlichen Räumen“ zu umreißen. Beiden Beiträgen merkt man an, dass hier keine ausgesprochenen „Landkenner“ am Werk waren, sondern viele der getroffenen Aussagen lediglich aufs Land projeziert wurden. Abgerundet wird der Band mit einer Kurzdokumentation der Diskussion und der Ergebnisse des Symposiums, sowie mit einem kurzen Statement und Appell von Friedemann Hennings, dem Bundesvorsitzenden der BAG der EJL, die Lebenswelt der Landjugendlichen in Zukunft doch stärker als bisher im Blickfeld der Gesellschaft, Politik und Forschung zu behalten.

Auch wenn es die eigentliche Absicht dieser Publikation zu sein scheint, als qualifizierte Handreichung zur Bekanntmachung der „Thematik Landjugend“ bei Politikern und anderen gesellschaftliche Multiplikatoren zu dienen, bietet der Band auch für alle Landjugend-Interessierten außerhalb der politischen Entscheider- und Verbandsebene wichtige Hintergrundinformation zur Jugendarbeit auf dem Lande und sollte daher angefordert und auch extern weiter verbreitet werden.

 

Rosi Grieder-Bednarik / Herbert Bednarik: Leben im Dorf. Dorf(an)sichten. Ein Spaziergang aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft von Dorf-Gemeinden an der österreichisch-tschechischen Grenze. Verlag und Vertrieb Günter Hofer, Reiz 2007. (ISBN 978-3-902111-22-7)
Direktbezug: Druck Hofer GmbH, Im Stadtfeld 3, A-2070 Reiz

Das Buch entstand aus den Dorfbildern, die im Rahmen eines grenzüberschreitenden Schulprojektes zum „Leben im Dorf – Dorf(er)leben“, das die Autoren in den Jahren 2003 - 2004 mit österreichischen und tschechischen Kindern durchgeführt haben, gesammelt wurden. Die vorliegenden Fotos waren die Einstiegsfrage, mehr über die Menschen, ihre Geschichte, ihre Lebensumstände, ihren Ort, ihre Sorgen und ihre Hoffnungen erfahren zu wollen. Sie machten die Geschwister Bednarik zu „geschichtlichen Hausierern“, die die Häuser der Hardegger Bewohner abklapperten, um die Geschichte hinter den Bildern zu suchen, um weitere Dokumente auf den Dachböden aufzustöbern und letztlich auch in den Pfarr- und Gemeindechroniken fündig zu werden.

Und die Spurensuche blieb nicht lokal begrenzt, sondern machte die gefallene Grenze neu bewusst: Auch in Südmähren gibt es Dörfer, die mit der eigenen Geschichte „geschichtsverwandt“ sind, und als solche „geschichtliche Nachbarn“ darstellen. Was lag daher näher, als mit diesem Projekt Brücken zu schlagen und die alte Stahlbrücke wieder als Verbindungssteg zu beleben, um nach Gemeinsamem zu suchen und im Unterschiedlichen Freundschaften zu finden. So spiegelt das Buch immer wieder eine Geschichte von „hüben“ (aus dem Waldviertel) mit einer Geschichte von „drüben“ (aus Südmähren) und macht die unterschiedlichen Entwicklungen bewußt, die die jeweiligen Dörfer mitten in Europa gegangen sind.

Das Buch besteht im Grunde aus zwei Teilen: Einem Bilderbuchteil von Bildcollagen, die querformatig immer die linke Buchseite füllen und wie in einem Bildkalender umgeblättert werden können. Und aus einem hochformatigen Textteil auf der rechten Leseseite, der tabellarisch – teils immer historisch ausholend, teils auch nur gegenwartsbezogen – Fakten und Details aus dem Dorfleben unter festen Rubriken (z.B. Dorfgemeinschaft heute, technischer Fortschritt, die Rolle der Jugend usw.) aufreiht. Durch diese übersichtliche Methode ist eine Art „Nachschlagewerk“ entstanden, eine andere Form von Heimatbuch, das Zwischenräume zwischen den Geschichten lässt und immer auch in der Gegenwart des heutigen Dorflebens ankommt. Welches Heimatbuch sonst befasst sich bereits mit dem Internet-Zeitalter im Dorf, oder dem heutigen Jugendleben vor Ort, oder ist stolz auf die aktuellen positiven Entwicklungen in der Gemeinde und wirft dazwischen auch immer wieder Zukunftsfragen auf, wie z.B. die Nachfrage, ob die Dörfer wohl unwiederbringlich dazu verdammt sind, „Seniorenenklaven“ zu werden?

Die Tatsache, dass die beiden Autoren keine Einheimischen, sondern bewusst zugereiste, im Nachbarort Pleissing lebende, ehemaligen Wiener sind, wird nicht nur im Doppeltitel des Buches, der eine „Innen- und Außensicht des Dorfes“ beabsichtigt, offensichtlich, sondern zeigt auch wiedereinmal deutlich, dass gerade solche Personen, die auf ihre selbstgewählten neuen Heimatorte wirklich neugierig sind, dort mit ihrer Beheimatungssuche viel bewegen und dadurch den oft „heimatblinden“ Ureinwohnern gerade das Besondere ihres Ortes sehr gut widerspiegeln können.

 

Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (Hrsg.): Biodiversität im Dorf: entdecken, vermitteln, fördern. Beiträge zur Tagung vom 7. – 10. September 2007 in der Internationalen Naturschutzakademie auf der Insel Vilm. Bonn 2008. (ISBN 3-925374-81-7)
Direktbezug: BHU, Adenauerallee 68, D-53113 Bonn

Das Dorf gilt für viele Menschen immer noch als der „natürliche Grünraum“, in dem eine Vielfalt von Pflanzen und Tiere ihren Heimatraum haben. Das ist seit langem nicht mehr so, denn mit dem epochalen Wandel des Dorfes, weg vom kleinräumigen Agrardorf der 1950er Jahre, hin zur landwirtschaftlich extensiv-bewirtschafteten Wohnortgemeinde seit den 1960er Jahren, ist ein steter Artenrückgang feststellbar. Die alten, artenreichen Vegetationsorte der Misthaufen, Mühlgräben und Streuobstwiesen sind Wohnungsneubauten, aufgeräumten Dorfecken und asphaltierten Hofeinfahrten gewichen. Die Schwalben finden in den modernen Stallanlagen keine Nistplätze mehr, die Dorfspatzen sind ohne die Dreschplätze ohne Nahrung und die einst reichlich in den Streuobstwiesen vorhandenen Brutplätze werden durch Kunst-Nistkästen des NABU nachgestellt. Mit dem Verschwinden der ständigen Jaucheabflüsse aus den Misthaufen ist auch der natürliche Wachstumsraum für die meisten auf einen nährstoffreichen Boden angewiesenen Dorfpflanzen versiegt. Heute sind die meisten der einst typischen Dorfpflanzen in den Dörfern sehr selten geworden und circa 20 % der 100 in den Dörfern anzutreffenden Pflanzen stehen in verschiedenen Bundesländern bereits auf der Roten Liste.

Um eine aktuelle Bestandsaufnahme zur „Biodiversität im Dorf“ vorzunehmen trafen sich Vertreter der zuständigen Behörden, mit Vertretern aus der Forschung und bereits aktiv-gewordenen Gemeinden zu der gleichlautenden Fachtagung im Mai 2007. Den Schwerpunkt der Beiträge bilden dabei die von den Kommunen eingeleiteten Gegenmaßnahmen, wie z.B. Initiativen zur Reaktivierung der Dorfgärten, zur Bewahrung der Insektenvielfalt und zum Erhalt der historischen Kulturlandschaft. Wie können konkrete Handlungsstrategien für das „Ökologische Dorf“ aussehen? Wie kann die Thematik der „Biodiversität im Dorf“ als Impuls in den Bundeswettbewerb: „Unser Dorf hat Zukunft“ produktiv einfließen? Wie gehen andere Länder (z.B. Polen und die Provinz Südtirol) mit der Thematik vor Ort um?

Der reichlich bebilderte und gut gegliederte Tagungsband ist eine gelungene Zusammenfassung zum - leider in den letzten Jahren - etwas vernachlässigten Thema der „Re-Ökologisierung“ der Dörfer und bietet für alle, die sich mit „Dorfökologie“ in Theorie und Praxis befassen, wichtige Anregungen.

 

Amt für Raumentwicklung des Kantons St. Gallen (Hrsg.): Bürgergutachten zur Zukunft der ländlichen Räume im Kanton St. Gallen. St. Gallen 2007.
Direktbezug: Amt für Raumentwicklung, Baudepartement des Kantons St. Gallen, Lämmlisbrunnenstraße 54, CH-9001 St. Gallen

Inzwischen hat die noch recht junge Methode des „Bürgergutachtens“ auch Eingang in die Inszenierung einer aktiven Bürgerbeteiligung im ländlichen Raum (z.B. in Agenda-21-Prozessen, als Beurteilung der Umweltqualität einer Kleinstadt, oder wie hier, einer ganzen Region) gefunden. Das „Bürgergutachten“ ist ein Verfahren, das davon ausgeht, dass jeder Bürger an der Lösung eines lokalen oder regionalen Problems mitarbeiten kann. Dazu werden ihm Grundinformationen zur Raumlage, ein Strukturrahmen (eine Bildungsveranstaltung) und ein Zeitrahmen (hier vier volle Arbeitstage) gegeben. Statt auf „professionalisiertes Expertenwissen“ wird hier bewusst auf der „Wissen der vielen Alltagsexperten“ gesetzt.

Die Teilnehmer werden per Zufallsprinzip aus dem Einwohnerregister der Gemeinden ausgewählt. Jeder Einwohner ab 16 Jahren mit Hauptwohnsitz im entsprechenden Ort kann mitmachen. Um ein entspanntes Mitmachen der ausgewählten Bürger aus ihrem Alltag heraus zu gewährleisten, wird über ein Projektbüro die Organisation von Kinderbetreuungen, die Bildung von Fahrgemeinschaften und die Freistellung vom Arbeitsplatz abgeklärt. Die Arbeit erfolgt in einer Plenumsgruppe von etwa 25 Personen. Als fester Arbeitsrhythmus wird eine Zeiteinheit von etwa eineinhalb Stunden eingehalten, die dann durch Pausen unterbrochen wird. Um die Ernsthaftigkeit und den klaren Arbeitscharakter der Veranstaltung zu unterstreichen, wurde jeder Bürger mit 200 Franken entschädigt.

Die Einspeisung der notwendigen Informationen erfolgte über Referenten, die nicht nur vortragen, sondern auch für eine intensive Diskussion zur Verfügung stehen. Die angesprochenen Themen werden in Kleingruppen von meist 5 Personen vertieft. Um keine starren Hierarchien in den Kleingruppen entstehen zu lassen, werden diese nach jeder Arbeitseinheit neu per Los zusammengestellt. Die Kleinarbeitsgruppen werden in ihrer Arbeit durch jeweils zwei inhaltlich neutrale Prozessbegleiter (einen Mann und eine Frau) unterstützt. Alle Ergebnisse wurden fortwährend dokumentiert und durch spezielle gruppen-externe Moderatoren verdichtet, „geclustert“ und in Form von Texten und Tabellen zusammengestellt. Alle Teilergebnisse zusammen bilden das „fertige Bürgergutachten“, das dann in einer Gesamt-Dokumentation veröffentlicht und dem jeweiligen Auftraggeber (Stadt oder Region) übergeben wird. Die Umsetzung der Ergebnisse ist für den Auftraggeber nicht bindend, sondern wird als „Bürgerempfehlung“ verstanden.

Welche Ergebnisse im konkreten Fall das „Bürgergutachten zur Zukunft der ländlichen Räume im Kanton St. Gallen“ erbracht hat, wie die Ergebnisse gegliedert und welche Erfahrungen bei der Umsetzung gemacht wurden, werden ausführlich in der vorliegenden Druckversion geschildert, die über die obige Bezugsadresse angefordert werden kann.

 

Reinhard Aehnelt / Manfred Kühn / Inga Schütte: Lebensqualität in Klein- und Mittelstädten. Monitoring im Städtekranz Berlin-Brandenburg. REGIO-transfer Heft 6 – Beiträge zur anwendungsbezogenen Stadt- und Regionalforschung. Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung. Erkner 2006. (ISBN 3-934669-06-9)

Untersuchungen zu den ostdeutschen Klein- und Mittelstädten zeigen, dass dort die Unzufriedenheit der Bürger mit der Lebensqualität vor Ort meist höher als in ostdeutschen Großstädten und Landgemeinden liegt. Ausgehend von dieser Annahme wurde in der vorliegenden Studie der Frage nachgegangen, wie es um die „Städtische Lebensqualität“ in den vier Mittelstädten (Brandenburg/Havel, Cottbus, Eberswalde, Frankfurt/Oder) und in den drei Kleinstädten (Neuruppin, Luckenwalde, Jüterborg) des „Städtekranzes Berlin-Brandenburg“ in der Entfernung von 50 bis 140 km um Berlin herum, aussieht. Als Forschungsset wurde ein dreistufiges Untersuchungsdesign gewählt, bestehend aus einer Erhebung von „objektiven Indikatoren“ (mittels der statistischen Daten zur Messung der Lebensqualität, wie sie z.B. auch in den Agenda-21-Prozessen angewandt werden), einer Erfassung der „subjektiven Bürgerbewertungen“ (mittels einer mit einem lokalbezogenen Online-Fragebogen durchgeführten Online-Befragung) und mittels einer „Expertenbefragung von lokalen Multiplikatoren“ (über eine Art „Chat-Room“).

Vor allem in den kleineren, kreisangehörigen Städten ohne eigene Statistikstellen gestaltete sich die Zusammenstellung des objektiven Datenmaterials sehr schwierig. Aber auch in den Mittelstädten lagen häufig zu wenig ortsbezogene Daten vor, so dass diese erst mühsam von anderen Stellen her eingeholt werden mussten. Die Online-Befragung funktionierte in den Mittelstädten recht gut, verlief aber in den Kleinstädten sehr zäh und brachte es notgedrungen nur auf sehr kleine Fallzahlen. Eine repräsentative Erhebung der Gesamtbevölkerung wurde daher in keinem Fall erreicht. Zudem zeigte sich, dass die Online-Befragung als eher „moderne Methode“ vorrangig die jüngeren, wirtschaftlich-aktiveren und kritischeren Teilnehmer erreichte und die sozialen Randgruppen,  Normalbürger ohne aktive PC-Praxis und vor allem die Gruppe der Frauen nur unterrepräsentativ erfasste. Als geradezu ein Untersuchungs-Flop erwies sich die Expertenbefragung, die nur eine Teilnehmerquote von 16 % der angeschriebenen Personen erreichte, und deren Rückläufe selbst nur sektoralen Auskünfte erbrachten, da die Experten sich nur über ihren Teilbereich äußerten. Trotz dieses tendenziellen Scheiterns versucht die Studie in ihrer Zusammenfassung dies nicht so zu benennen, sondern flüchtet sich in ein Schönreden: So wird aus den statistisch-unbrauchbaren Expertenaussagen eine „Interpretationshilfe“ und die - über das Instrument der Online-Befragung nur selektiv erfasste - Bevölkerung der meist Jüngeren wird, als eine „Frühwarn-Gruppe“ gepriesen, da sie als „potenziell Abwanderungswillige“ stärker auf lokale Fehlentwicklungen und Defizite hinweisen kann. Alle anfangs noch formulierten Ansätze einer „Bürgeraktivierung“ wurden nicht erreicht. Auch der Versuch, ein Diskussionsforum unter den Experten einzurichten, scheiterte mangels Teilnahmebereitschaft, so dass alle „aktivierenden Elemente“ innerhalb dieses Untersuchungsprozesses nicht umgesetzt wurden. Obwohl sich nach dieser Bilanz eigentlich eine Phase der Selbstkritik anschließen müsste, philosophieren die Autoren unbeeindruckt weiter über die Möglichkeiten der Installation dieser Instrumente als Dauereinrichtungen für ein „kommunales Berichtssystem zur Lebensqualitätsbewertung und zum Stadtumbau-Monitoring“ verbunden mit der Forderung, die Online-Befragung alle zwei bis drei Jahre zur ständigen Beobachtung der Prozesse zu wiederholen.

Angesichts so vieler methodischer Unzulänglichkeiten wäre beinahe die Beantwortung der anfangs geäußerten Hypothese zu kurz gekommen: Ja, die Studie hat klar bestätigt, dass die „subjektive Zufriedenheit der Bürger“ mit der Lebensqualität in den untersuchten Klein- und Mittelstädten Brandenburgs mit 49 % (negativ) zu 51 % (positiv) niedrig oder sehr niedrig ist und im Vergleich zu westdeutschen Erhebungen sehr gering ist.

 

Petra Haumersen / Frank Liebe: Hier wird nüscht – und trotzdem! Guben – Innenansichten einer brandenburgischen Kleinstadt. Peter Lang. Europäischer Verlag der Wissenschaften. Frankfurt am Main 2006. (ISBN 3-631-54793-5)

Die Stadt Guben liegt an der Lausitzer Neiße: 25.009 Einwohner; Abwanderung seit 1989 ca. 8000; Arbeitslosenquote 21,3 Prozent; Wohnungsleerstand 12,5 Prozent - so lauten die statistischen Eckdaten im Frühjahr 2001. Guben eine Kleinstadt in der abwärtsbeschleunigten Schrumpfungsspirale von De-Industrialisierung, Bevölkerungsrückgang und Wohnungsleerstand. Guben eine „brown-town“, als eine bundesweit durch Ausländerhatz mit Todesfolge markierte „Braune Stadt“. Guben, die durch den Fluß geteilte, kleinere Grenzstadt, als der erneut einem Bedeutungsverlust ausgelieferte Westteil. Das sind die harten Daten einer „Außensicht“ auf den Untersuchungsort.

Und wie sieht es mit der „Innensicht“ auf Guben, mit der Wahrnehmung der Stadt durch die Bürger und lokalen Entscheidungsträger aus? Diese zu erkunden und zu verstehen ist die Absicht dieser Studie. Über Einzel- und Kleingruppeninterviews, selbst veranstaltete Workshops und öffentliche Veranstaltungen, ergänzt mit den Eindrücken der Autoren, untermauert mit Beschreibungen der Stadt in wissenschaftlichen, Presse- und anderen Veröffentlichungen soll, eine „Sozial-Collage“ eine Antwort auf diese Frage bringen.

Der Einstieg wird für die Forscher hart: Bereits der Bahnhof erweist sich als ein „trostloser und unheimlicher Ort“. Und die aus Westberlin stammenden Wissenschaftler stellen sich die in diesen Kreisen üblichen Fragen. „Wo sind wir hier gelandet?“ - „Wie kann man denn hier bloß leben?“ Trotz dieser Kulturblockade gelingt es, tiefer in den Ort vorzudringen: Auffällig ist die große symbolische Macht der „Abwesenden“ über den Ort: Die Gedanken kreisen meist um die Abwesenden in unterschiedlicher Gestalt. Es geht dabei um den „Investor“ (der sehnlichst erwartet wird und nach 15 Jahren hoffen, wohl realistischerweise nicht mehr kommen wird), um den „Macher“ (den politischen Akteur, der endlich ein Ende des Elend einläutet), um die „Wegzieher“ (die „draußen“ und so wohl „gerettet“ sind, aber den Alltag der Zurückgebliebenen „kälter“ und „ärmer“ gemacht haben) und um die „Zuzieher“ (die „gescheiterten“, aber auch die „offensiven“ Rückkehrer). Diese starke Außenorientierung der Gubener signalisiert einen gesellschaftlichen Druckverlust im Innern, ein Ansteigen nicht-gelebten Alltags, ein drohendes soziales Vakuums im öffentlichen Sozialraum der Kleinstadtgesellschaft. Die Daheimgeblieben sind in ihre sozialen Netzwerken abgetaucht und organisieren darin ihre lokale Existenzabsicherung als ein Einrichten im Kleinen, Nahen und Gewohnten, um in dieser selbstgewählten „Wagenburgmentalität“ allen Widrigkeiten von Außen zu „trotzen“. Auf die negativen Schlag-Zeilen des Dauerwandels reagieren sie mit einem breiten Rückzug ins Private, einem ansteigenden Umzug in den feinmaschigen sozio-kulturellen Unterbau der nachbarschaftlichen Kleinstadt. Die Stadtgesellschaft Gubens entwickelt dadurch auf breiter Front ein System einer „sub-town“, deren Hauptmerkmal eine verhärtete Abgrenzung nach Außen und eine steigende Tendenz zur Selbstmarginalisierung und zur kulturellen Abschottung ist.

Im erlebten Gefühl, von der Politik nicht mehr wahrgenommen zu werden und in einer vergessenen und abgeschriebenen Region zu leben, haben sich viele vom herrschenden politischen System und den zivilgesellschaftlichen Institutionen tief „ge- und ent-täuscht“ abgekehrt, und eine Art „negative Identität“ der Zurückgelassenen gegenüber allen Politik-Verheißungen gebildet, die sich nicht unwesentlich auch aus dem sich ständig reproduzierenden Feindbild einer „gesellschaftlichen Vormundschaftlichkeit“ des Westens gegenüber dem Osten, speist. Die Gubener Gesellschaft präsentiert sich als „wandel-müde“ und „erschöpfte“ Kleinstadtgesellschaft, ohne Chance zu einer hoffnungsstimmenden „Veränderungs-Identität“ für ein mögliches Zukunftsprojekt, das die konkrete Ausformulierung einer realistischen Alternative notwendig machen würde. Diese gibt es nicht und die Politik verschweigt immer wieder in der gebetsmühlenartigen Wiederholung von Durchhalteparolen, dass es sie wirklich nicht gibt. Das Erspüren dieser Wahrheit hat dazu geführt, dass das politische Handeln einer „selbstauferlegten Alternativlosigkeit“ verhaftet bleibt, auch in der Dauerkrise das selbstaufmunternde „Weiter so“ die einzige Strategie zu sein scheint. Das dabei häufig grimmig ausgestoßene „Trotzdem“ hat längst nicht mehr die Kraft zu einem offensiven Widerstand, sondern zeigt immer wieder aufflackernd, dass Guben zu einer „Stadt der Resignierten“ geworden ist.

Angesicht dieser Realanalyse, die ostdeutschen Regionen als mögliche „Erfahrungs-Avantgarde“ eines gesellschaftliches Transformationsprozesses, der im Westen angesichts der demographischen und arbeitsgesellschaftlichen Zukunftsprognosen noch ansteht, hochzustilisieren, erscheint vermessen. Auch die intellektuelle Androhung, dass westdeutsche Städte sich nicht genüsslich zurücklehnen sollten, da der gleiche schmerzvolle Prozess, in dem Guben schon mitten drin steckt, ihnen noch bevorsteht, sollte im Westen nicht gleich das „große Schlucken“ auslösen. Die voreilig ausgestoßene Wunsch-Parole: „Vom Osten lernen, heißt Zukunft zu (er)lernen!“, die quasi die Ostgesellschaft probeweise zur Avantgarde einer von den Zwängen einer Arbeitsgesellschaft befreiten Zukunftsgesellschaft erklärt, erscheint völlig überzogen und ist eher ein weiteres Indiz dafür, die Grundstimmung eines abgestürzten Selbstbewusstseins mit einer weiteren hilflosen Markierung eines „magischen Errettungssymbols“ zu schmücken.

Das Buch folgt in seinem Untersuchungsansatz der alten politologischen Tradition in einer Kleinstadtgesellschaft die „kleine Gesellschaft“, die „Miniaturstruktur der Gesamtgesellschaft“ zu suchen und weniger die besonderen Merkmale der „Kleinen Stadt“. Insofern ist die Kleinstadt Guben nur die „Kulisse dieser pars-pro-toto-Analyse“, aber nicht das soziologische „Spezifikum Kleinstadt“.

Dieser Strukturmangel der Untersuchung setzt sich auch in der Abschlussanalyse zur Gesamtbewertung der Ergebnisse fort: Anstatt nun konkrete Aussagen zu möglichen politischen Bewertungen und Handlungsstrategien zu machen, wird ein neuer, retundanter - mit viel zu langen, nicht tiefer ausgewerteten Blockzitaten zäher - Diskurs zur politologischen und politischen Bewertung des Erhobenen (nach dem Motto: „Auch dieses Phänomen haben wir bei unserer Befragung entdeckt!“) vom Zaun gebrochen, der seinen Adressaten mehr in der Wissenschaftsszene sucht, als vor Ort, und damit den Verdacht, dass sich diese Studie nie richtig auf die konkrete Kleinstadtebene einlassen wollte, leider bestätigt. Dies ist sehr schade, denn bei dieser Erhebung wäre durchaus „mehr dringewesen“.

 

Melanie Kröger: Die Modernisierung der Landwirtschaft. Eine vergleichende Untersuchung der Agrarpolitik Deutschlands und Österreichs nach 1945. Logos Verlag, Berlin 2006. (ISBN 3-8325-1264-0)

Die Ausgangsbedingungen für die Agrarpolitik nach dem 2. Weltkrieg waren in Deutschland und Österreich weitgehend identisch: Für beide Länder galt es möglichst schnell die katastrophale Versorgungslage, die objektive Not- und Mangelsituation der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln durch eine Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft zu beheben und zu überwinden. Um dieses Ziel zu erreichen, musste eine umfassenden „Modernisierung der Landwirtschaft“ angestrebt und eingeleitet werden, was konkret hieß die alten Produktionsstrukturen durch Technisierung, Mechanisierung, Chemisierung, Rationalisierung und Flurneuordnung aufzubrechen und umzugestalten. Die eingeschlagene Politik war erfolgreich, so dass bereits Anfang der 1950er Jahre die Versorgungsmängel weitgehend aufgehoben waren. Aus den Erfahrungen der Versorgungskrise heraus setzte die Politik in beiden Ländern darauf, dieses Versorgungssicherheit durch entsprechende Marktordungsgesetzte (gesicherte Preispolitik im Innern, in Kombination mit einem protektionistischen Außenhandel) nachhaltig zu sichern. Durch politisch festgesetzte und kontinuierlich angehobene Preise sollten sowohl die Einkommen der Landwirte, als auch die Versorgung der Bevölkerung mit günstigen Nahrungsmitteln gesichert werden. Gleichzeitig sollte die Produktivitätssteigerung und der Strukturwandel verstetigt und ein Marktgleichgewicht zwischen Produktion und Nachfrage die nationale Stabilität sichern.

Die Schere in den Agrarentwicklungen zwischen beiden Ländern ging nach dieser Saturierungsphase in den 1960er Jahren dann zunehmend auseinander: Während in der BRD seit Mitte der 1960er Jahre der Schwerpunkt der agrarpolitischen Förderungen auf der Steigerung von Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität und „aktiver Forcierung des Strukturwandels“ lag, erlangte dieser Ansatz in der Agrarpolitik Österreichs keine vergleichbare Relevanz. Die Ursache für den „anderen Weg“ Österreichs liegen zum einen in den besonderen Strukturen der Alpenlandwirtschaft begründet (klein-flächige Familienbetriebe, hohe Nebenerwerbs- und Subsistenzquote, archaische Bio-Betriebe, das frühe Setzen auf hofnahe Erwerbskombinationen), zum anderen in der Einsicht der Förderpolitik, dass mit diesen Strukturen kein „Durchstarten zu einer modernisierten Flächenlandwirtschaft“ möglich ist, sondern eher ein Förderbedarf in Richtung der Absicherung dieser „Landschafts-Landwirtschaft“ in einem speziellen Bergbauernprogramm für benachteiligte Gebiete liegt, das dann auch in den 1970er Jahren gestartet wurde, in den 1980er Jahren mit der Förderung der „Eigenständigen Regionalentwicklung“ noch strukturell ausgeweitet wurde und bis heute das Grundmodell der „öko-sozial-ausgerichteten“ österreichischen Agrarpolitik bildet. Und der „österreichische Weg“ erwies sich langfristig als der erfolgreichere, denn der primär betriebs- und wachstumsorientierte Ansatz der EU erwies sich in der Praxis als Dauerproduzent einer Überschusskrise, als bodenloser Subventionssumpf, als Förderungsmotor eines unerbittlichen Wachsen-oder-Weichen-Kurses und als solcher nicht mehr nur nicht mehr finanzierbar, sondern auch der Bevölkerung nicht mehr vermittelbarer Agrar-Wahnsinn.

Das Buch arbeitet sehr präzise den Weg der „gebremsten Modernisierung“ Österreichs bis zur „reflexiven Modernisierung“ der heutigen Agrarpolitik heraus und zeigt auf, wie die EU-Agrarpolitik (nicht nur wegen des ersten österreichischen EU-Agrarkommissars Dr. Fischler) von Österreich lernte und die Elemente dieses Weges (sozial-ausgewogene Direktzahlungen, die Förderungseinheit von Landschafts- und Nahrungsmittelproduktion,  die Gleichrangigkeit von Landwirtschafts- und Ländlicher Raum-Politik) als den richtigen Weg in Richtung einer „reflexiv-nachhaltigen Modernisierung“ der Landwirtschaft übernommen hat.

 

Anne Juel Jensen: Mutterpflicht und Mütterwünsche. Eine ethnographische Studie in einer schwäbischen Kleinstadt. Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V., Studien & Materialien, Band 29. Tübingen 2006. (ISBN 3-932512-35-9)
Direktbezug: Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V., Schloss, D-72070 Tübingen.

Wer trotz des plakativen Kleinstadt-Titels nun hier eine Abhandlung über das besondere Leben in einer Kleinstadt erwartet, muss enttäuscht werden. Die Kleinstadt Tamm (12.000 Einwohner, im Kreis Ludwigsburg gelegen) ist für diese ethnographische Studie hauptsächlich dadurch interessant, dass sie ein geographisch abgegrenzter Raum ist, der natürliche Grenzen für den Forschungsraum setzt. Die „Spezifik der Kleinstadt“ wird also strukturell nicht weiter verfolgt und untersucht. Im Mittelpunkt steht für die aus Dänemark kommende Sozialanthropologin ihr „persönlicher Kulturschock“, dass für sie unverständlich im „Schwabenland“ so viele Frauen zur Kindererziehung zu Hause bleiben und daher Halbtageskindergärten „normal“ sind und scheinbar von den meisten Müttern als „kein Problem“ angesehen werden. Dieser offensichtliche Widerspruch zu skandinavischen Erfahrungen und Selbstverständlichkeiten, veranlasste die Forscherin, sich diesem Phänomen „ethnographisch“ zu nähern, d.h. die „Schwabenmütter“ wurden genauer danach untersucht, warum sie keine „Rabenmütter“ sein wollen.

Die Forschungsfrage war eine doppelte: Sind dafür objektive Strukturen (z.B. fehlende Angebote der Kinderbetreuung, gesellschaftliche Normierungen, öffentliche Sozialkontrolle) oder individuelle Faktoren (z.B. biographische Vorgaben, persönliche Erfahrungen, das eigene Mutterleitbild) verantwortlich? Mit qualitativen Methoden (elf Frauen-Interviews, sieben Expertinnen-Interviews, moderierende Gruppen-Befragungen) wurde vier „Frauen-Mütter-Typen“ identifiziert: Die „Zielstrebige Frau“, die bewusst arbeiten geht, um keinen Karriereknick zu riskieren. Ihr Wunsch zu arbeiten widersetzt sich allem Rechtfertigungsdruck, dass die Mutter zu Hause bei ihren Kleinkinder bleiben müsse. Die „Mütterliche Frau“, die Kinder und Familie als Mittelpunkt ihres Lebens betrachten. Auch dieser Frauentyp fällt mit ihrer Mutterwahl eine freie Entscheidung, die allerdings dadurch leichter fällt, weil sie den geltenden Normen und Traditionen entspricht. Die „Sowohl-als-auch-Frau“, die sowohl zu Hause bei den Kindern ist, aber ihren erlernten Beruf nicht aus den Augen verlieren will und die geforderte Doppelbelastung sehr gut hinbekommt. Sie war bei ihrer Entscheidung immer davon ausgegangen, Kinder und Beruf zu haben und zu vereinbaren und stellt sich deshalb dieser Herausforderung. Und die „Dazwischen-Frau“, die gerne beides hätte und deswegen mit ihrem „Zwischenstatus“ nicht ganz zufrieden ist, denn der weiterhin bestehende Wunsch zu arbeiten und die Einsicht in die Notwendigkeit zur Kinderbetreuung lassen sich nicht stressfrei synchronisieren. Zwei „entschiedene“ Frauentypen stehen zwei „Frauen-Typen-im-Spagat“ gegenüber, von der der eine Typus diesen Widersprich im Alltag geregelt kriegt und lebt, und der andere diesen weiterhin widersprüchlich erlebt und darin nicht glücklich ist.

Obwohl die Prämissen der Mütter feststehen, kommt in die Kinderbetreuung verstärkt gesellschaftliche Bewegung: Väter nehmen Teilzeit; die Öffnungszeiten der Kindergärten sind flexibler geworden; Kernbetreuungszeiten in der Grundschule („Verlässliche Grundschule“) sind zum Alltag geworden. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern sich, aber die gesetzten Normen, dass das „warme Mittagessen um die Mittagszeit auf den Tisch gehört“, dass das „Hotel Mama“ aus finanziellen Gründen weiterhin bereitstehen muss und dass das „Mama-Taxi“ bei den vielen Nachmittagsterminen der Kinder unentbehrlich ist, bleiben weiter bestehen. Um diese allseits erwünschten „Mutter-Dienstleistungen“ auch weiterhin erfüllen zu können, wird wohl dem Frauen-Bild der „Sowohl-als-auch-Frau“ die Zukunft gehören.

 

Georg Schwedt: Vom Tante-Emma-Laden zum Supermarkt. Eine Kulturgeschichte des Einkaufens. Wiley-Vch Verlag, Weinheim 2006. (ISBN 3-527-50218-1)

Manchmal verspricht ein Buchtitel mehr als er hält. So auch bei diesem Buch, das nicht die erwartete „Kulturgeschichte des Einkaufens“ bietet, sondern sich mit mehr als der Hälfte seiner 220 Buchseiten über die „Top-Ten der deutschen Supermärkte“, über die „Traditionsreichen Hersteller und ihre Handelsmarken im Supermarkt – von A(lete) bis Z(entis)“, über die „Drogeriemärkte“, sowie über „die Supermärkte und ihre Philosophie“ auslässt. Und das teilweise in der oberflächlichen Wiedergaben der Internetseiten der entsprechenden Firmen. Platter und seitenfüllender geht es nicht. Das eigentliche Buchthema ist eine schnell-erzählte Überblicksgeschichte „Vom antiken Kaufladen über das Kolonialwarengeschäft zum Supermarkt“, beginnend mit den Kaufläden, Märkten und Markthallen des 19. Jahrhunderts, über den Tante-Emma-Laden bis zur Story des ersten Supermarktes, gesprengelt mit zwei Exkursionen zum Kolonialwarenmuseum in Niederwerrn / Schweinfurt und zum Historischen Kaufhaus J.H. Büsing in Abbehausen / Nordenham.

Eine „Kraut-und-Rüben“-Darstellung zusammengestellt aus willkürlich-gesammelten Eindrücken zur Einkaufsgeschichte ohne fachliche Stringenz und kulturwissenschaftliche Fundierung. Auch das Streifen der Entwicklungsgeschichte der Konsumgenossenschaften, Warenhäuser, Discounter und Verbrauchermärkte bleibt oberflächlich und unsystematisch. Hier hat sich ein Lebensmittelchemiker als vermeintlicher kulturhistorischer Fachautor übernommen, dessen Rolle er nicht einlösen kann, denn eine in großen Teilen zelebrierte Waren-, Sortiments- und Verbraucherkunde ist zu wenig, um dem hoch-gespannten Buchtitel-Bogen gerecht zu werden. Ein kurzer Blick auf die dürftige Literaturliste von gerade Mal eineinhalb Seiten offenbart das ganze Dilemma, denn „enzyklopädische Zitate“ allein reichen nun einmal nicht aus, zumindest eine standardisierte Wissenschaftlichkeit zu legitimieren.


Sigrid Schüler-Juckenack: Geschichten aus der Kleinstadt. Geest-Verlag, Vechta-Langförden 2008. (ISBN 978-3-86685-145-0)

Die literarische Gattung der „Kleinstadtgeschichten“ erlebt in diesem Buch eine Aktualisierung: Es portraitiert die kleinen Nöte von Kleinstadtmenschen der Generation 40plus in einer flotten, modernen Sprache, die durchaus ernste Themen (die ernst sind, weil sie die Menschen direkt betreffen, oder im Nahbereich geschehen, oder aus zwischenmenschlicher Verunsicherung resultieren) mit einem heiter-ironischen Grundton auflockern und zu einem leichten Schmunzeln provozieren. Alle Szenen wirken irgendwie wie selbst erlebt oder unmittelbar vorstellbar, wie zum Beispiel der Nachbarstreit darüber welcher Garten nun schöner sei, wie echte Gartenpflege auszusehen habe und wer der bessere Gärtner sei. In solchen Szenen schaukelt sich längst überwunden geglaubtes kleinstädtisches Kleinbürgerverhalten in moderner Form wieder hoch. Oder auch die Szene, als es dem Neumitglied im Musikzug des Schützenvereins schwer fällt, den Marschrhythmus zu finden, Marschieren und Musizieren in Einklang zu bringen. Diese Metapher für das unauffällige Mitmachen, das problemlose Eingliedern und das reibungsfreie Mitmarschieren hat durchaus eine tiefergründige Bedeutung im Kleinstadtleben, das verlangt, bei aller Beobachtetheit immer den richtigen Ton zu finden. Auch wenn die Kleinstadt als Begriff in diesem Buch so gut wie nicht vorkommt ist sie doch in jeder Zeile als dauerhafte Hintergrundfolie präsent.

 

Karin Kersten: Hohe Tannen. Roman für Freunde. Klöpfler & Meyer Verlag, Tübingen 2007. (ISBN 978-3-937667-90-4)

Die Rückkehr hat einen zentralen Symbol-Ort. Fünf große Tannen mit einem Erinnerungskreuz an der daran vorbeiführenden Kurve, in der Robert Backla, der Sohn des Sägewerkbesitzers, in einer pechschwarzen Märznacht, knapp zwanzigjährig, ein Opfer der Bäume wurde. Die Freunde hatten geschworen, ihn nicht zu verlassen und dann gingen die meisten doch fort und sie verließen ihn, wie sie alles verließen: ihr Zuhause, ihren Heimatort, ihre Familie, die Freunde, die Lebenden und die Toten. Für die Zurückgebliebenen ein toter Ort: „Weit und breit wieder keine lebende Seele.“ Und wieder stehen die Toten für eine Wende: Der Tod der Eltern von Robert Blacka zwingt die Tochter zur Rückkehr aus Italien. Die Nähe wird wieder nah. Die Ferne rückt wieder in weite Ferne. Die Freunde kehren zurück. Eine andere – eine alte? – Zeit beginnt (wieder)? Der Rest der früheren Clique trifft nach Jahren aus den unterschiedlichsten Gründen im Ort der Jugendzeit, dem Straßendorf der Bergarbeitersiedlung „Hohe Tannen“ im Harz, wieder zusammen. Die Mitfünfziger fahren alle vorbei an den hohen Tannen, die längst zerzaust sind von den Herbststürmen, die gezeichnet sind von den Schneelasten und den ätzenden Lüften. „Schlimmschlimm“ ist der Kommentar aller, als sie den Zustand der Bäume an ihnen vorbeifahrend im Rückspiegel betrachten, der vor lauter Rück-Blick den eigentlichen Blick auf den eigenen Zustand sichtbar verdeckt.

Mit der Rückkehr beginnt die eigentliche Geschichte, die - wie es unter Freunden üblich ist - eine unendliche Erzählgeschichte wird, und die um den mystischen Ort des Sägewerks herum ein Spinnwebennetz alter, verdrängter Erinnerungen und leidenschaftlicher Begehrlichkeiten einer für die Ewigkeit versprochenen Freundschaftsintimität spinnt und immer dichter strickt, so dass diese Verstrickung nur noch in einer gemeinsamen Handlung nach Außen wieder auflösbar scheint. So wird der alte Ort notgedrungen zur Kulisse und Ausgangspunkt für die Aufführung eines Freilichttheaterstücks, eines Versuches, die neuen Rollen in der Rückkehr zu finden. Das Ganze misslingt. Das Provisorium wird ein Raub der Flammen, die soweit schlagen, dass selbst die „Hohen Tannen“ in Mitleidenschaft gezogen werden und als potenziell bedrohliche Brandfackeln schließlich ganz gefällt werden müssen. Mit ihnen fällt nicht nur das Wahrzeichen des Ortes, sondern auch das „Zünd-Symbol“ für die alten Freundschaften: Das Erinnerungskreuz an Robert Backla landet unter einem Apfelbaum im Vorgarten. Der große Erinnerungspfahl im Gedächtnis der Cliquenmitglieder, die „Hohen Tannen“ sind gefallen, der Mythos der Heimat und Heimkehr ist entzaubert: „Wo ich dachte ich wäre zu Haus, dort bin ich am Ende gern, doch nicht zu Haus“.

Das Buch ist von seiner literarischen Einbettung her eindeutig ein Provinzroman, von seinen überregional-sozialisierten Akteuren her allerdings eher ein „moderner Heimatroman“ einer alternden, nach Neuorientierung ringenden Clique, die sich im Landschaftsraum des früheren Ortes auf die Suche nach den alten Energiepunkten der Jugendzeit macht, sie aber dort nicht mehr findet. Es wird also keinen Neuanfang mehr geben. Die Parabel schließt sich: Das vorher als ewig-geglaubte Symbol der überhoch-mächtigen und immer-stehenden Tannen ist endgültig gefallen.

 

Susanne Fritz: Heimarbeit. Roman. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2007. (ISBN 978-3-940086-09-6).

Die Handlung ist nur ein dürrer Strang, der sich im die Sterbegeschichte des unheilbar kranken Heinrich rankt und dessen Handlung in einer noch düsteren und noch schwärzeren Szenerie als in dieser Kerngeschichte spielt: Einer süddeutschen Kleinstadt, umgeben von Fichtenwäldern und bekannt für ihre Tradition der Heimarbeit – unschwer zu erkennen als der Herkunftsort der Autorin, als Furtwangen im Schwarzwald. Obwohl der Roman den Titel „Heimarbeit“ trägt wurde die autobiographischen Auseinandersetzung mit dem Ort eben nicht in der „Heimarbeit des dortigen Lebens“ erledigt, sondern nun als große Endabrechung, auf großer Bühne, unter Zeugenschaft aller in Frage kommenden Weltautoren, als pompöser Untergang, nachinszeniert. Die Bühnenreife überlagert die Unreife des Textes, der immer ein abschweifendes Fragment zwischen schwachem Erzählstrang und pathetischen Heimatrezitationen bleibt. Er ist ein einziges Dokument einer „Heimat-Verunglückung“, ein langer Abgesang auf das „Missverständnis Heimat“, ein Haßgesang auf das „grundmorbide Kleinstadtleben“. Was hat Furtwangen nur der Autorin angetan, dass sie mit einer solchen Wortkeule zurückschlägt, oder gar zurückschlagen muß? Mit dieser Frage wird der Leser allerdings alleingelassen, denn er erfährt nur eine Verbindung, die es zu dem Ort gibt: Seine angeblich unverhältnismäßig hohe Selbstmordrate, quasi sein im ihm angelegtes „langes langsames Sterben“, das nur diesen - im Text so ausgiebig zelebrierten - engen Seins-Korridor zwischen Lebenswut und Todesliebe möglich macht. Das Schlüsselzitat des Roman-Essays: „Unsere eigene Kindheit erledigen wir nebenbei“ wird zum Vor-Wurf gegen den Heimatort der sprach- und haßgewaltig zurückgeschleudert wird, ohne dass damit die Trümmer des Fremdwerdens in der Heimat wirklich beiseite geräumt werden. Leider viel zu viel Provinzhaß und Heimatpathos á la Peter Handke und Thomas Bernhard. Ein „Anti-Heimat-Pamphlet auf Todestrip“, das immer ein riesiges Bühnenbild als Brett vor dem Kopf hat, um die wirkliche Provinz dahinter nicht sehen zu müssen. Nur An-Spielungen sind kein Ersatz für echte und notwendige Heim(at)arbeit. Für alle sensiblen und kritischen Provinzler ist dieses morbide Abgesang voller makaberem Humor noch schwärzer als die Gegend, über die Autorin schreibt, und daher eine kaum erträgliche und nur schwer verdaubare Lesekost.  Vorsicht Depressionsgefahr!

 

Elmar Mayer: Ein Dorf erlebt das Jahr 1945. Bucher Verlag, Hohenems 2006. (ISBN 3-902525-23-1)

Der Einmarsch der französischen Besatzgruppen in die 4.500 Einwohner zählende Marktgemeinde Götzis (das ist das Dorf, das das Jahr 1945 erlebt) kündigte sich Tage zuvor mit dicken Rauchschwaden über der im vorderen Rheintal in Vorarlberg gelegenen Gemeinde an. Es waren aber keine Kampfhandlungen der im Anmarsch befindlichen marokkanischen Truppen, sondern es war der hektische Versuch der Nazigrößen ihre lokalen Regime-Spuren durch Akten-, Bilder- und Dokumentenverbrennung zu vertuschen. Es half nichts: Nach dem Einmarsch musste sie die Parteilisten wieder sehr sorgfältig aus dem Gedächtnis rekonstruieren. Auch die Umdeckung der weit in die Landschaft hinaus sichtbaren hellroten, hakenkreuz-gezierten Dachziegel half nichts mehr, denn das letzte Gefecht hatte bereits begonnen. Es wurde für den Ort nochmals verlustreich, denn obwohl sich der Volkssturm meuternd aufgelöst hatte, kam es noch zum Beschuss des Dorfes, da einige auf dem Rückzug befindliche Soldaten der Waffen-SS unbedingt den eingepleuten Helden spielen wollten. Am 3. Mai 1945 war alles vorbei. 1.300 Mann Besatzung und die vielen Pferde und Mulis der Marokkaner mussten in Götzis untergebracht werden. Nach anfänglich freudiger Begrüßung der Truppen, die nun den Frieden in den Ort gebracht hatten, begann mit der Einquartierung die Angst, denn es kam zu Übergriffen der Besatzungssoldaten auf Frauen und Bürger.

Die wirkliche Nachkriegszeit begann mit der ortsüblichen Straßenumbenennung, beziehungsweise einer meist häufigeren Straßenrückbenennung. Eine örtliche Schadensbilanz bezifferte als Hauptverluste die zerstörten Straßen und Häuser,  geplünderte und somit ihrer Rohstoffe beraubte Fabriken. Als örtliche Hauptaufgaben standen an: Die Reparatur der Häuser und Straßen, die Wiederingangbringung der Fabriken, die Unterbringung der inzwischen eingetroffenen Flüchtlinge, der Aufbau einer handlungsfähigen Verwaltung und Polizei. Mitten in diesen echten Sorgen führte ausgerechtet die Kirche, die in solchen Zeiten eigentlich ein moralischer Halt sein sollte, ihren „Kirchenkampf“ durch. Um – nach Jahren der Unterdrückung durch die Nazi - wieder an Autorität zu gewinnen, spielte sie sich als Supermoralist auf und zog gegen das Mädchenturnen als den „größten Sittenverfall“ zu Felde. Die eigentliche Nachkriegsära in Götzis endet erst mit der Rückkehr der letzten Gemeindemitglieder aus der Gefangenschaft, reicht also über das Jahr 1945 hinaus.

Das Buch ist eine als Ortschronik aufgebaute Collage des Jahres 1945. In das örtliche Geschehen hinein spielen immer wieder Meldungen von Außen, wie z.B. die in Presse und im Radio verkündete militärische Lage und Propaganda, als auch die massiven Truppenbewegungen und Bevölkerungsverschiebungen sowie die Geschehnisse in der Gesamtregion Vorarlberg, die in die lokale Berichterstattung eingewoben werden. Die Chronik selbst greift des öfteren auf Ausschnitte aus Familienchroniken – eine durchaus dorfübliche Methode – zurück, um einzelne Geschichtsstränge zu vertiefen. Der „erzählenden Dokumentation“ gelingt es - das wohl für viele Gemeinden 1945 so oder ähnlich geltende Geschehen - zu einer szenenreichen Monographie dieses Ortes, in dieser Zeit, zu verdichten und damit ein sehr anschauliches Zeitdokument zu liefern.

 

Joachim Faulde / Birgit Hoyer / Elmar Schäfer (Hrsg.): Jugendarbeit in ländlichen Regionen. Entwicklungen, Konzepte und Perspektiven. Juventa Verlag, Weinheim und München 2006. (ISBN 978-3-7799-0265-2)

Das Thema „Jugendarbeit im ländlichen Raum“ hat aktuell weder eine breite Politik-Lobby, noch fachwissenschaftlich Konjunktur, was sich auch in der geringen Anzahl der zu diesem Thema vorliegenden Fachveröffentlichungen niederschlägt. Daher ist es begrüßenswert, dass die Herausgeber dieses Buches die Gunst der Stunde genutzt haben, die Beiratsmitglieder des von 2004 bis 2006 laufenden „neu-Land“-Projektes der Katholischen Landjugendbewegung Deutschlands (KLJB), auch noch als Autoren für dieses Fachbuch gewonnen zu haben. Nicht nur die Herausgeber gehören damit zum Umkreis der KLJB, sondern auch der Blickwinkel aufs Land wird stark durch die Sichtweise dieses Verbandes auf das Land bestimmt, d.h., nicht nur die Themen „Kirche“ und „religiöse Sozialisation“ nehmen einen kleineren Teil der Beiträge ein, sondern auch viele im Buch dokumentierten Praxisbeispiele stammen aus dem Umfeld der Verbandsarbeit. Da aber die KLJB im Zuge des Modellprojektes „neu-Land“ einen Beirat auch mit Autoren außerhalb des Verbandsmilieus eingerichtet hat, die alle mit Beiträgen in diesem Buch vertreten sind, ist der Übergang zu einer allgemeinen Diskussion über die „Jugendarbeit auf dem Lande“ fließend.

Das Buch ist in vier Themenblöcke gegliedert: Es beginnt mit einer Einführung zu den neuen strukturellen Rahmenbedingungen der Landentwicklung (Demographieentwicklung, Agrarstrukturwandel, Regionalentwicklung und Jugend, die Besonderheit der Jugend in den ländlichen Räumen Ostdeutschlands) und setzt sich in einem zweiten Block mit den Auswirkungen dieser Veränderungen auf die Lebensbiographien von Jugendlichen (z.B. mit dem Vormarsch individualisierter Lebensläufe, mit der Entwicklung geschlechtsspezifischer Identitäten auf dem Lande  und mit den neuen Verschiebungen innerhalb des Aufwachsens im Stadt-Land-Vergleich) fort. In einem dritten Block wird andiskutiert, was dieser Wandel an konzeptionellen Auswirkungen auf die Neuausrichtung der ländlichen Bildungsarbeit (unter den Stichworten: Nachhaltigkeitsbildung, Sozialraumorientierung, Gender Mainstreaming, Bürgerschaftliche Engagement, Partizipationskultur) hat. Und der vierte Block bedient den heute bei Fachbüchern immer wieder eingeforderten „Praxisteil“ mit konkreten Modellbeispielen (das neu-Land-Projekt, die Dorfanalyse, das Dorfspiel, die MIST-Karre, die 72-Stunden-Aktionen, usw.). Das Ganze wird abgerundet mit einem umfangreichen thematischen Nachwort der Herausgeber, in dem sie ein Konzept der „Ländlichen Jugendarbeit als Akteur für ein nachhaltiges Gemeinwesen“ entwerfen.

Das Buch bietet insgesamt eine gute Einführung in das Themenfeld „ländlicher Raum und ländliche Jugendarbeit heute“ ist es doch auf der Höhe der Zeit und bildet die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen im ländlichen Raum gut ab, auch wenn nicht jeder Beitrag auf das formulierte Kernthema hin gelungen ist und an manchen Stellen viele Allgemeinplätze verbreitet werden. Vor allem für Studenten der Sozialpädagogik und anderer ländlicher Fachdisziplinen, als auch für alle Praktiker der Jugend- und Jugendverbands-Arbeit auf dem Lande, bietet es viele Anregungen zum Hintergrund „Ländlicher Raum“.

 

Holger Lüning: Das Eigenheim-Land. Der öffentlich geförderte Soziale Wohnungsbau in Niedersachsen während der 1950er Jahre. Veröffentlichungen der historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, Band 231. Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 2005. (ISBN 3-7752-6031-5)

Eine der großen Herausforderungen der Nachkriegszeit war es für Millionen von Menschen, die ihre Heimat verloren hatten oder deren Haus durch Kampfhandlungen zerstört oder deren Wohnung zerbombt war, endlich wieder „ein Dach über dem Kopf“ zu bieten. Die kriegsbedingten Wohnraumverluste waren in Niedersachen (z.B. im Vergleich zu dem ebenfalls sehr ländlich strukturierten Bayern) deutlich höher und das Bundesland musste neben der bereits beträchtlichen Schar von „displaced persons“, Evakuierten und Ausgebombten, noch einen zusätzlichen Bevölkerungszuwachs von 2,5 Millionen Flüchtlingen verkraften. Die Wohnungssituation gestaltete sich vielerorts katastrophal: Überall wurde der Wohnraum zwangsbewirtschaftet und Barackenlager, Säle und Scheunen wurden kurzerhand zu Behelfswohnungen umfunktioniert. Während die Städte der Nachkriegszeit fast ausnahmslos Bevölkerungsreduzierungen zu verzeichnen hatten, stiegen die Zahlen in den Dörfern und Kleinstädten steil an. Große Teil der zur Ankurbelung der Wirtschaft benötigten Arbeitskräfte befanden sich zu Beginn der 1950er Jahre beschäftigungslos auf dem Land, während gleichzeitig in den Zentren der gewerblichen Produktion Arbeitskräftemangel herrschte.

Bei der Lösung dieser großen Wohnungsnot setzte das Land Niedersachsen seit seiner Gründung 1946 im „Sozialen Wohnungsbau“ von Anfang an – im Gegensatz zu den anderen Bundesländern, die erst in den 1950er auf diesen Weg einschwenkten – auf die „Eigenheim-Lösung“, d.h. die vorrangige Förderung von Eigenheimen und Kleinsiedlungen. Die Förderung des Eigenheimbaus war politisch gewollt, denn nur der Eigenheimbau bot für die Beteiligten eine Motivation, in umfänglicher Weise Eigenmittel und Eigenleistungen einzubringen. Ohne diese Mittel hätte der Anteil der öffentlichen Förderung pro Wohneinheit noch umfangreicher ausfallen müssen, wodurch die Zahl der geförderten Wohnungen stagniert hätte oder sogar zurückgegangen wäre. Trotz massiver Anstrengungen gelang es nicht die Zahl von jährlich 30.000 geförderten Wohnungen zu übersteigen, so dass Niedersachsen nach wie vor Jahr für Jahr das höchste Wohnungsbaudefizit in der Bundesrepublik Deutschland aufwies. Das „gewollte Eigenheim-Land“ war daher nie richtig „das wirkliche Eigenheim-Land“ geworden.

Das Buch untersucht sehr detailliert, wie der öffentlich geförderte „Soziale Wohnungsbau“ in Niedersachsen von 1945 bis 1960 konzipiert war und wie er sich im Land zwischen Ems und Elbe praktisch entwickelte. Es ist von seinem Inhalt und Aufbau her eine Mischung aus einer „Sozialgeschichte des Nachkriegswohnungsbaus“ eng verbunden mit einer umfangreichen Darstellung der „Verwaltungsgeschichte“ (d.h. der Konzeptionierungs-, Finanzierungs- und Umsetzungsgeschichte) des „Sozialen Wohnungsbaus“. Sein Verdienst ist es, in dieser Verzahnung monographisch exakt ein konkretes Bild dieser schwierigen Aufbauphase zwischen politischen Wollen und praktischem Können sehr praxisnah nachzuzeichnen.

 

 

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